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Popkultur

Zeitsprung: Am 9.8.1995 spielen Kiss akustisch – und wieder in Urbesetzung.

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Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 9.8.1995.

von Christof Leim

Am 9. August 1995 spielen Kiss bei MTV Unplugged und bescheren den Fans mit sagenhafter Setlist feuchte Augen. Als Extrabonus laden sie die ehemaligen Kollegen Ace und Peter ein. Das hat natürlich Folgen…

Hier gibt’s Kiss Unplugged zu hören:

Es wirkt im Rückblick wie eine logische Entwicklung: Mit Revenge (1992) und Alive III (1993) sind die ungeschminkten Kiss stark in die Neunziger gestartet und haben verlorenen Boden gut gemacht, gleichzeitig dreht sich der Wind sich in der Rockwelt. Die Leute lechzen nach anderen Sounds; Nirvana, Pearl Jam, Alice In Chains und Rage Against The Machine (allesamt Kiss-Fans!) bringen frischen Wind. Kiss hingegen stellen fest, dass viele Fans große Stücke auf die Mystik und Faszination goldenen frühen Jahre halt. Deshalb rufen die beiden Chefs Paul Stanley und Gene Simmons im Februar die Kiss Konventions ins Leben, auf denen eben diese Historie gefeiert wird, dass Nerds und Kiss-Wahnsinnige Pippi in die Augen bekommen vor Freude. (Alles zu den Konventions hier.)

Schätzchen aus der zweiten Reihe

Dazu spielt die Band unplugged, ohne viel Brimborium oder Explosionen. Keiner fliegt durch die Luft oder spuckt Blut, stattdessen greifen Stanley, Simmons, Bruce Kulick und Eric Singer tief in den Fundus alter Alben. Lange geschmähte Lieder aus den Siebzigern kommen hervor, oft spontan, ungeprobt und zum Amüsement aller Beteiligten manchmal sogar nur ein paar Takte lang. In Los Angeles singt sogar – in der gleichen informellen Manier – Originaltrommler Peter Criss mit. Kann man ja mal machen, und es ist viel Liebe und ein warmes Gefühl von Nostalgie im Raum.

Kiss zu Zeiten von „Revenge“, 1992 – Foto: Mercury Records/Promo

Da werden MTV hellhörig und fragen für ihre erfolgreiche Unplugged-Reihe an. Aber der Sender wünscht sich ein „Extra“ , wie Paul Stanley es in seiner Autobiografie Face The Music (2014) beschreibt: eine Reunion mit den Urmitgliedern Ace Frehley und Peter Criss. Das geht nicht ganz einfach: Zum einen stellt der Manager der beiden laut Paul „eine Menge lächerlicher Bedingungen“, die die Chefs erstmal alle ablehnen müssen. „Gene hat es gut hinbekommen, die Sache unter Kontrolle zu halten.“

Nur zu Besuch. Erstmal.

Weil die Solokarrieren der beiden Ehemaligen auf kleinerer Flamme laufen, fehlt Ace und vor allem Peter zudem die musikalische Routine. Zu gut deutsch: Die hochdekorierten Veteranen sind anscheinend ein bisschen eingerostet. Und dann gibt es 1995 bei Kiss ja einen Leadgitarristen (sogar einen sehr guten: Bruce Kulick) und einen Drummer (Eric Singer). „Alle verhielten sich erstmal zurückhaltend, als die beiden reinkamen. Eric und Bruce waren dabei, und das stand für uns auch immer fest. Sie hatten ihren Platz verdient.“ 

Kiss ausnahmsweise mal zu sechst – Foto: Mercury Records/Promo

Die Aufzeichnung in den Sony Studios in New York findet am 9. August 1995 statt. Zunächst sitzt die aktuelle Stanley/Simmons/Kulick/Singer-Besetzung auf der cool ausgeleuchteten und ausstaffierten Bühne, im Hintergrund geschminkte Puppen mit den Kostümen von einst und (natürlich) ein großes beleuchtetes Kiss-Logo. Auf der Setlist stehen jede Menge Siebziger-Schätzchen aus der zweiten Reihe: Comin’ Home von 1974 etwa hatte die Band außerhalb der Konventions fast noch nie live gespielt, ebenso Goin’ Blind (1974), Plaster Caster (1977) und Sure Know Something (1979). Sogar vom viel geschmähten The Elder-Album erklingt World Without Heroes, von Genes 1978er-Soloalbum See You Tonite – ein Fest für die Hardcore-Fans. 

Klingt auch ohne Strom

All diese Nummern funktionieren hervorragend mit Akustikgitarren (und vermutlich besser als dicke Riffrocker wie Deuce oder Love Gun es vermocht hätten). Die vier Musiker singen und spielen gut, vor allem Paul Stanley tut sich hervor: Der Mann mag heutzutage als Endsechziger ja ein paar Problemchen mit der Stimme haben, aber 1995 ist er in der Sportart „Rockgesang“ der Chef, wie die epische Ballade I Still Love You beweist. Derweil liefert Bruce Kulick eine hervorragende Leadgitarre ab, was auf Akustikklampfen nicht so einfach ist.

Kurz vor Schluss erklärt Stanley dann: „Wir haben heute ein paar Familienmitglieder hier: Peter Criss und Ace Frehley!“ Die Fans gehen erwartungsgemäß steil, die beiden Ehemaligen nehmen die Plätze von Bruce und Eric ein – und los geht’s mit dem Stones-Cover 2.000 Man, gesungen von Ace. Damit spielt die legendäre Urbesetzung 23 Jahre nach der ersten gemeinsamen Probe, 16 Jahre nach dem letzten gemeinsamen Konzert wieder auf einer Bühne – und zum allerersten Mal ohne die Kriegsbemalung (wenn man Aces Hochzeit 1976 nicht mitzählt). 

Peter singt anschließend den (kommerziell gesehen) größten Kiss-Hit, die Ballade Beth, in einer coolen Akustikversion. 

Damit aber klar ist, dass hier nicht per Zeitreise besetzungsmäßige Tatsachen geschaffen werden, kommen Eric und Bruce zurück – und Kiss spielen zu sechst (!) noch Nothin’ To Lose (mit Leadvocals von beiden Drummern) und den immergrünen Rausschmeißer Rock’n’Roll All Nite. Ein Träumchen für die Kiss Army.

Es kommt, was kommen muss

Natürlich wird die ganze Sause nicht nur im Musikfernsehen ausgestrahlt: Das Album erscheint am 12. März 1996, das Video Ende 2007 als Teil des DVD-Sets Kissology Volume Three: 1992–2000. Hier tauchen dann noch weitere Schätzchen auf: Hard Luck Woman (mit Stanley am Gesang), Spit, C’Mon And Love Me und God Of Thunder in einer herrlich bescheuerten Country-Version.

Damit ist diese nostalgische Episode erstmal beendet, Kiss arbeiten in der aktuellen Besetzung Ende des Jahres 1995 an einem neuen Album, das Carnival Of Souls heißen wird und überraschend düster und grunge-y klingt. Doch die Scheibe bleibt für mehrere Jahre im Schrank, denn die Reaktion auf das kurze Stelldichein der Urbesetzung fällt so positiv aus, dass Kiss am 16. April 1996 die Reunion verkünden: Gene, Paul, Ace, Peter in voller Montur. Aber das ist mal wieder eine andere Geschichte…

Warum Kiss das Make-up wieder anlegen mussten

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