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Popkultur

Zeitsprung: Am 5.8.1990 endet für Mötley Crüe endlich die „Dr. Feelgood World Tour“.

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Mötley live 1990 - Foto: Ke.Mazur/WireImage/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 5.8.1990.

von Christof Leim

Als Mötley Crüe zur Dr. Feelgood World Tour aufbrechen, stehen sie ganz oben: Album auf eins, massig Gold und Platin und volle Hallen weltweit. Dazu sind alle vier Musiker clean, trocken und topfit. Die Sause endet am 5. August 1990 nach zehn Monaten und 154 Shows auf vier Kontinenten. Da sieht die Welt für Nikki, Vince, Tommy und Mick dann anders aus…

Hier könnt ihr euch Dr. Feelgood anhören:

Bei Girls, Girls, Girls hatte es 1987 ausgerechnet wegen Whitney Houston nicht geklappt, aber mit ihrem fünften und besten Album Dr. Feelgood schaffen Mötley Crüe zwei Jahre später endlich die Nummer eins in den USA. Die XXL-Hard-Rock-Nummern der Platte bilden 1989 die Musik der Stunde, sie laufen im Radio und auf MTV rauf und runter. Die Tour soll die vier Helden in die größten Hallen weltweit führen, aber los geht die Sause am 5. Oktober 1989 mit einer Rückkehr zu einem alten Stammlokal, dem längst viel, viel zu kleinen Whiskey-A-Go-Go auf dem Sunset Strip. Hier spielen Mötley Crüe unter dem Pseudonym The Four Skins (haha) und drehen gleich das Video zu Kickstart My Heart, dem Song, mit dem Nikki Sixx seine Nahtoderfahrung von Weihnachten 1987 beschreibt.

Richtig los rollt die Tour dann neun Tage später in der Grugahalle in Essen, als Support treten Skid Row auf, deren Debüt vom Januar sich ebenfalls zu einem Kassenschlager entwickelt hat. In drei Wochen spielt die Crüe 18 Shows in ganz Europa, ab Mitte November folgen dann die ganz dicken Schuppen in den USA. Die Zuschauerzahlen liegen allabendlich meist im fünfstelligen Bereich, oft sind alle Tickets verkauft. Als Vorgruppen sind unter anderem Warrant und Tesla dabei.

Weiter, weiter, weiter

Mötley Crüe ballern gnadenlos durch: Vom 16. November in Tucson, Arizona bis zum 15. April in East Rutherford, New Jersey gibt es nur über Weihnachten mal eine größere Pause. „Wir hingen nicht mit den Leuten rum, wir haben nicht gefeiert, und wir haben unsere Pimmel nicht reingesteckt, wo sie nicht hingehören“, kommentiert Schlagzeuger Tommy Lee in der berüchtigten Bandbiografie The Dirt von 2001. „Stattdessen sind wir in die Stadt geflogen, haben uns den Arsch abgespielt und sind dann wieder abgehauen. Zum ersten Mal lief das Ganze wie eine Maschine und nicht wie vier ungezähmte Tiere.“

Nikki Sixx, Vince Neil, Mick Mars, Tommy Lee – Foto: Promo

Die Setlist erweist sich als kleines Träumchen: Kickstart My Heart eröffnet üblicherweise die Festivitäten, daneben stehen viele Songs vom neuen Album auf dem Plan, etwa Rattlesnake Shake, Same Ol’ Situation, Slice Of Your Pie und natürlich das megagroovige Titelstück, manchmal auch She Goes Down und Don’t Go Away Mad. Dazu kommen die Schätzchen: Live Wire und Shout At The Devil, klar, Red Hot, Looks That Kill – alles da. Von der Vorgängerplatte gibt’s mit Wild Side und Girls, Girls, Girls nur zwei Nummern, dafür als Zugabe den Elvis-Klopfer Jailhouse Rock, bei dem gerne auch mal Lemmy Kilmister, Bret Michaels von Poison oder Jim Dandy von Black Oak Arkansas mitsingen. 

Fliegendes Schlagzeug und freiliegende Popos

An der Produktion wird natürlich nicht gespart: Pyros, fettes Licht, Riesenbühne. Und diesmal fliegt Tommy mit seinem Schlagzeug über die Leute und springt mit einem Bungee-Seil ab. Am 7. April in New Haven, Connecticut geht das schief: Der Drummer schlägt nach mehreren Metern Fall mit dem Kopf auf, einige Shows müssen abgesagt werden. Erst ein paar Tage vorher, am 25. März, hatte der damals 27-Jährige in Augusta, Georgia seinen Popo gezeigt – und wurde prompt verhaftet. So zumindest lautet die „offizielle“ Version, denn das kleine Skandälchen könnte durchaus geplant gewesen sein (die ganze Geschichte hier). 

Nach diesem Marathonritt sind unsere Helden aber noch nicht durch: Anderthalb Wochen dürfen sie durchatmen, dann geht’s für elf Gigs nach Australien und Japan. Nochmal kurze Pause, bevor der Rock ab 31. Mai 1990 durch Nordamerika rollt. Denn Dr. Feelgood ist weiter ein heißes Eisen, fünf Singles werden veröffentlicht, und die ganze Zeit bleibt die Band auf der Straße. „Wir waren eine Geldmaschine“, kommentiert Tommy rückblickend. „Sie haben uns arbeiten lassen, bis wir zusammenbrechen. Und genau das ist auch passiert.“ Daran sind retrospektiv natürlich Management, Plattenfirma und der Weihnachtsmann schuld, aber ganz unfreiwillig dürfte die Reiseplanung nicht gewesen sein. Zumal sich die Operation für die vier Mucker lohnt, wie Sänger Vince Neil in seiner Autobiografie Tattoos & Tequila darlegt: „Jeder von uns ging mit über acht Millionen Dollar nach Hause. Nicht schlecht für ein paar Schulabbrecher.“

Das geht nicht gut

Für die seelische und körperliche Gesundheit sieht die Bilanz nicht ganz so rosig aus. Die neugefundene private Stabilität mit festen Partnerinnen und schicken Häusern daheim in Los Angeles leidet unter der langen Abwesenheit, vor allem aber schlittern die Rockstars wieder in alte Vorlieben. Das heißt: Rock’n’Roll gibt es jeden Abend, und irgendwann machen sie mit Sex und Drogen die unheilige Troika wieder voll.

via GIPHY

„Was als saubere und gesunde Tour begonnen hatte, war zu einem kranken Sexzirkus geworden“, fasst Tommy in The Dirt zusammen. Vince geht ins Detail: „Die Mädels standen Schlange für uns.“ Dazu kommen Pilschen und Pülverchen. „Wir haben wieder Alkohol reingeschmuggelt, Drogen gekauft und generell unser alten selbstzerstörerischen Angewohnheiten wieder angenommen“, gesteht Tommy. „Die einzige Ausnahme war vielleicht Mick, weil seine Verlobte als Background-Sängerin mit uns unterwegs war.“

Endlich Ende. Leider für länger.

Als der Tross am 5. August 1990 nach Chandler, Arizona rollt, sind Mötley Crüe völlig durch. Keiner will (oder kann) mehr Konzerte spielen, Manager Doug Thaler zeigt Erbarmen und schickt die Burschen nach Hause. Die gehen erstmal getrennter Wege – und kommen so schnell auch nicht mehr zusammen. Die Monstertour fordert ihren Tribut und hat Folgen für Mötley Crüe.

Erst ein Jahr später, im Sommer 1991, spielen Mötley Crüe in der Originalbesetzung noch mal zehn Gigs im Rahmen der europäischen Monsters Of Rock-Festivals (mit AC/DC als Headliner). Im Oktober  erscheinen dann ein paar neue Lieder auf der Kompilation Decade Of Decadence 81-91, ein paar Monate später fliegt Vince schon aus der Band (oder geht freiwillig, weiß man nicht so genau). Erst sechs Jahre später steht das Ur-Line-up wieder auf einer Bühne, mit dem missratenen Reunionalbum Generation Swine (1997) im Gepäck. Man könnte sagen: Mit der Dr. Feelgood World Tour endet die goldene Ära von Mötley Crüe. Aber war wohl geil.

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