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Popkultur

Motown und die Emanzipation: Wie Frauen das Label zum Welterfolg machten

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Kaum auszudenken, wie sich das heute legendäre Motown-Label entwickelt hätte, wenn es da nicht die vielen aktiven Frauen vor und hinter den Kulissen gegeben hätte: Schon Bertha Gordy, die Mutter von Berry Gordy, Jr., hatte zusammen mit ihrem Mann eine erfolgreiche Firma geleitet.

von Hannah Vettese

Womöglich war sie es also, die ihren Kindern das unternehmerische Geschick in die Wiege gelegt hat – insbesondere Berry und seinen vier Schwestern. Ein Geschwister-Team, das den Spirit von Motown von Anfang an mit dem Geist der Emanzipation vermählte: Beim Detroiter Label waren Frauen schon ganz früh in so gut wie jedem Bereich maßgeblich beteiligt, angefangen bei den Finanzen über das inzwischen legendäre Styling bis hin zu den eigentlichen Protagonistinnen im Rampenlicht oder auch den Songwriterinnen hinter den Kulissen.

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Hört hier einige der größten Girl-Group-Hits aus dem Hause Motown:

Da wäre zum Beispiel Esther Gordy, die älteste Schwester, die von 1961 bis 1972 mitarbeitete, unter anderem als Senior Vice President des Labels. Erst als Berry Gordy 1972 den Entschluss fasste, mit Motown komplett nach Los Angeles zu ziehen, schied sie aus dem Unternehmen aus – weil sie die namensgebende Heimatstadt nicht verlassen wollte. Dem Label verbunden blieb sie auch so, denn Esther gründete später das Motown Museum, das noch heute als wichtige Touristenattraktion gilt. Auch seine Schwester Loucye Gordy, die überraschend im Jahr 1965 verstarb, hatte bis dahin entscheidend am internen Aufbau der Firma mitgearbeitet, sich neben Finanzen auch um die Publishing-Abteilung gekümmert.

Noch prägender war allein der Einfluss der Schwestern Anna und Gwen Gordy: Erstere hatte 1958 das (Motown-Vorgänger-)Label Anna Records gegründet und mit Barrett Strongs Money (That’s What I Want) postwendend einen Klassiker veröffentlicht. Dazu war sie selbst Songschreiberin und sollte zusammen mit ihrem Gatten Marvin Gaye Stücke wie Flyin’ High (In The Friendly Sky) für dessen Album What’s Going On (1971) komponieren; wenig später war sie die Co-Autorin von Just To Keep You Satisfied, mit dem das Let’s-Get-It-On-Album aus dem Jahr 1973 ausklingt.

Der Perfektionismus der Maxine Powell

Auch die jüngste Gordy-Schwester, Gwen Gordy Fuqua, war nicht nur als Geschäftsfrau talentiert, sondern verbuchte ebenfalls schon früh erste Erfolge als Songschreiberin: Auf ihr Konto gingen bereits in den Fünfzigern viele Hits von Jackie Wilson, die sie zusammen mit ihrem Bruder Berry geschrieben hatte. Außerdem war sie es, die den Style von Motown wie kaum eine andere mitgestalten sollte: Schließlich war es Gwen, die Maxine Powell an Bord holte, verantwortlich für den Look und das ganze Auftreten der Stars. Powell, die erst vor wenigen Jahren starb, brachte den angehenden Talenten bei, wie sie auszusehen, zu posieren, sich zu geben und zu bewegen hatten. Auch die Tanzschritte trugen ihre Handschrift.

Und gerade die Professionalität, die darin zum Ausdruck kam, sollte den Motown-Künstler*innen schließlich den Weg in den Mainstream ebenen – was wiederum ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung war, indem die Stars dazu beitrugen, eine ganze Reihe von Vorurteilen abzubauen. Ihr Auftreten war dermaßen umwerfend, dass sie früher oder später einfach im Radio und im Fernsehen landen mussten – daran konnten ab sofort zum Glück auch Hautfarbe, Geschlecht oder sozialer Background nichts mehr ändern. Am sichtbarsten waren wenig später ganz klar die Girl-Groups aus dem Hause Motown, an denen spätestens jetzt niemand mehr vorbeikam.

Der Supremes-Siegeszug

Wie es sich anfühlt, wenn man ganz oben in den Billboard-Charts landet, erfuhren die Motown-Verantwortlichen in Detroit erstmals dank The Marvelettes: Deren Please Mr Postman ging durch die Decke und führte dazu, dass gleich die nächsten Girl-Group-Konstellationen aufgestellt werden sollten. Berry Gordy, Jr. war ein begnadeter Talentscout, er hatte den ultimativen Riecher, und so verpflichtete er nicht nur etliche neue Sängerinnen, sondern wusste auch stets genau, wann es strategisch wichtig war, eine Pause einzulegen oder einfach abzuwarten, bis die Zeit für eine neue Stimme, ein neues Gesicht gekommen war. Auch stilistische Neuausrichtungen und sogar spontane Neubesetzungen waren sein Kerngebiet: Als Mary Wells einmal nicht bei einer geplanten Session auftauchte, schickte er kurzerhand Martha Reeves in die Gesangskabine – obwohl die bis dahin nur als Sekretärin für das Label gearbeitet hatte.

Nachdem Reeves das eine oder andere Mal Background-Gesang bei Marvin Gaye beigesteuert hatte, sollte so also die Gruppe Martha & The Vandellas entstehen. Ähnlich viel Vertrauen schenkte der Label-Boss auch einem gewissen Trio, zu dem Diana Ross, Florence Ballad und Mary Wilson gehörten – jenes Dreigespann, das man in den Anfangstagen bei Motown auch „die No-Hit-Supremes“ nannte, weil’s nicht auf Anhieb so gut lief. Er lag natürlich richtig, denn The Supremes sollten zu einer der größten Girl-Groups der Musikgeschichte avancieren und gleich ein ganzes Dutzend Hits landen, ganz zu schweigen von den Soloerfolgen, die Diana Ross danach verbuchen konnte.

Signed, sealed, delivered: Die Songwriterinnen bei Motown

Nicht nur im Rampenlicht räumten die Damen alles ab; auch hinter den Kulissen, dort, wo die Hits erdacht und komponiert wurden, saßen immer häufiger Frauen. Eine von ihnen war Syreeta, die genau wie Martha Reeves zunächst im Vorzimmer des Labels angefangen hatte. Nachdem sie 1968 auch kurz selbst ans Mikrofon getreten war – unter dem Namen Rita Wright –, kam sie mit Stevie Wonder zusammen: Ein Songwriter-Dreamteam war geboren. It’s A Shame für The Spinners war dabei nur die Spitze des Charthit-Eisbergs…

Auch Yvonne Wright (Evil, You’ve Got It Bad Girl, Little Girl Blue) und Sylvia Moy (Uptight (Everything’s Alright), My Cherie Amour) arbeiteten wenig später mit Stevie Wonder zusammen, wobei sich Moy auch als Produzentin einen Namen machte. Selbst mit seiner Mutter machte Mr. Wonder gemeinsame Sache: Lula Mae Hardaway nämlich verfasste mit ihrem Sohnemann einen seiner größten Hits – Signed Sealed Delivered I’m Yours.

Gloria Jones, deren Tainted Love zu den Soul-Klassikern aus den Siebzigern zählt, war ebenfalls hinter den Kulissen aktiv – u.a. für The Supremes und für Gladys Knight & The Pips, denen sie zusammen mit Pam Sawyer das Stück If I Were Your Woman auf den Leib schrieb.

Der Dauerbrenner: Feministische Themen

An Themen mangelte es den Songschreiber*innen aus der Hitfabrik nie, weshalb Motown auch für Songs bekannt ist, die gerade im Nachhinein als durchaus kritische soziopolitische Statements gelten müssen. Dancing In The Street von Martha & The Vandellas wäre ein eher offensichtliches Beispiel, aber auch Nowhere To Run fällt in diese Kategorie. Auf ihrem 1968 veröffentlichten Album Love Child sprachen Diana Ross & The Supremes gleich eine ganze Reihe von eher heiklen Themen an: Es waren Geschichten, die man so noch nicht im Popzirkus gehört hatte – uneheliche Schwangerschaften inklusive.

Der Legende nach basiert der Titelsong auf einer Idee von Pam Sawyer, die Mr. Gordy dazu überreden musste, ihn überhaupt zu veröffentlichen. Ein Glücksfall: Love Child mag zwar unehelich entstanden sein, ein Nummer-eins-Hit war’s trotzdem. Zugleich deutete die Veröffentlichung auf eine allgemeine Tendenz beim Label hin, denn viele der Künstler*innen konzentrierten sich ab sofort auch auf politische Themen und soziale Missstände.

Neben der allgemein bekannten Entwicklungsgeschichte des Labels gibt es somit auch eine viel zu selten erzählte Geschichte der Emanzipation, die parallel dazu verlief: Denn wie schon beim allerersten Nummer-eins-Hit, der auf das Konto von Motown ging, waren es häufig gerade die Frauen, die vor oder hinter den Kulissen Neuland betraten, den Mund aufmachten, Risiken eingingen – und so die Weichen für eine Erfolgsserie stellten, deren Soundtrack uns bis heute begleitet.

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Die frühen Frauen des Rock ’n’ Roll: Wichtig, aber übersehen

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Popkultur

Zeitsprung: Am 22.5.2001 erscheint das erste Bon Jovi-Livealbum „One Wild Night“.

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Bon Jovi

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 22.5.2001."

von Christof Leim

Keine Frage: Bon Jovi dominieren den Hard Rock der Achtziger. Mit Slippery When Wet (1986) und New Jersey (1989) liefern sie zwei Nummer-eins-Alben hintereinander ab, daneben empfehlen sie sich als fleißige und mitreißende Liveband, die fast pausenlos durch die größten Hallen und Stadien in aller Welt tourt. Alleine die Konzertreise für Slippery dauert 15 Monate (von Juli 1986 bis Oktober 1987), danach hängen die Herren für New Jersey nochmal unfassbare 16 Monate (von Oktober 1988 bis Februar 1990) dran. Einen (offiziellen) Konzertmitschnitt dieser glorreichen Zeit sucht man allerdings vergebens.

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Hier könnt ihr in One Wild Night: Live 1985-2001 reinhören:

Klickt auf „Listen“ für das ganze Album.

Die erste „richtige“ Liveplatte erscheint nämlich erst viel später, am 22. Mai 2001. Da hat sich die Welt der Rockmusik schon weitergedreht, Grunge und Crossover sind gekommen und wieder gegangen. Bon Jovi haben mehrjährige Pausen eingelegt, Soloalben veröffentlicht und sich immer mehr zu einer erwachsenen Rockband entwickelt, die Springsteen stilistisch näher steht als Kiss und Aerosmith. Zuletzt brachten sie im Sommer 2000 das Album Crush auf den Markt, eine weitestgehend entspannte, oft balladeske Angelegenheit. Als Liveband aber lassen sie weiter nichts anbrennen und füllen immer noch die Stadien.


Für One Wild Night: Live 1985-2001 beschränken sich die Musiker nicht auf die Aufzeichnungen einer Show oder einer Tour, sondern stellen Songs aus drei Phasen ihrer Karriere zusammen: von aktuellen Konzerten im Jahr 2000 und Shows von der Mitte der Neunziger, als junge Rockhörer auf ganz andere Sounds standen, sowie von einem Gig in Tokio 1985. (Ja, die Herren sind schon früh ordentlich rumgekommen.) Aufnahmen aus den ganz großen Jahren, also von den Megatouren zu Slippery und New Jersey, fehlen sonderbarerweise.



Mit der Songauswahl decken Bon Jovi dabei alle Phasen ihrer Karriere ab; es finden sich die offensichtlichen Hits (Livin’ On A Prayer, Bad Medicine et al.), locker-flockiges Neunziger-Zeug (Something For The Pain, Something To Believe In) und damals neues Material wie Just Older oder It’s My Life. Als alte Schätzchen gibt es den ersten Hit Runaway vom 1984er-Debütalbum und In And Out Of Love vom oft (und zu Recht) vergessenen Zweitwerk 7800° Fahrenheit.



Interessant wird es bei den Coverversionen: Im südafrikanischen Johannesburg lassen Bon Jovi eine treibende Version von Neil Youngs Rocking In The Free World vom Stapel, bei I Don’t Like Mondays singt sogar Bob Geldof mit. (Für die Komplettisten: Diese Aufnahme wurde schon auf der Doppel-CD-Variante von These Days (1995) veröffentlicht; drei Mitschnitte aus Zürich gibt es ebenfalls auf der The Crush Tour-DVD. ) Bei der letzten Nummer schließlich, dem titelgebenden One Wild Night 2001 handelt es sich um einen Remix eines Tracks von Crush. Diese neue Version wird auch als Single ausgekoppelt, ebenso der alte Gassenhauer Wanted Dead Or Alive.



Alles in allem repräsentiert die Platte gut den musikalischen Stand der Gruppe zur Jahrtausendwende. Bon Jovi erweisen sich als souveräne Liveband mit guten Gesängen und einem Frontmann, der die Menge anzuspornen weiß. Natürlich klingen unsere Helden mittlerweile im Vergleich zur ungestümen Hardrockerei der Achtziger ein gutes Stück erwachsener. Was vor allem heißt: Der Chef schreit nicht mehr so viel, und die Gitarre macht weniger „Brett“. Das Album erscheint am 22. Mai 2001 und schlägt sich recht wacker in den Charts mit hohen Platzierungen in Europa (Platz 3 in Deutschland) und einem 20. Rang in den USA. Der nächste Konzertmitschnitt Inside Out lässt dann wieder bis 2012 auf sich warten, aber das ist eine andere Geschichte…

Zeitsprung: Am 28.4.1989 heiratet Jon Bon Jovi seine Jugendliebe – heimlich.

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„Hot Space“ verwandelt Queen vor 40 Jahren in eine Dance Pop-Band

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Queen
Foto: Kent Gavin/Mirrorpix/Getty Images

Vor 40 Jahren erschien Hot Space — jenes Queen-Album, das im Werk der legendären Band so richtig aus der Reihe tanzt. Betonung auf: Tanzt, denn hier regiert nicht heroischer Rock, sondern Disco. Bei vielen gilt die Platte als ungeliebter Ausreißer — wird ihr da Unrecht getan?

 von Markus Brandstetter

Hier könnt ihr Hot Space hören:

Es gab Zeiten, da betonten Queen noch extra, keinerlei Synthesizer in ihrer Musik zu verwenden. Im Juni 1981 gab’s dann aber eine ordentliche Kehrtwende in dieser Sache, denn als die Band ins Studio ging, um an ihrem neuen Longplayer zu arbeiten, wurden Synthesizer ein tragendes Element. Mehr noch: Queen vollzogen in den Augen vieler eine unverständliche Wandlung, denn plötzlich regierten Disco, Dance, R&B und Funk den Sound des britischen Quartetts. Damit nicht genug: Queen setzten sogar Drumcomputer ein — und die stets omnipräsente Leadgitarre von Brian May ordnete sich einer anderen Funktion unter.

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Roger Taylor sagt: John Deacon ist schuld

Geht es nach Schlagzeuger Roger Taylor, war es Bassist John Deacon, der die ersten musikalischen Impulse in diese Richtung setzte. „John war schon immer R&B-orientiert, unser Bassist, der Another One Bites The Dust schrieb, … was sich als die meistverkaufte Platte des Jahres herausstellte. Und ich glaube, das war der Song, der uns in diese Richtung katapultiert hat“, sagte Taylor damals — legte dann aber gleich nach, dass die Band mittlerweile der Meinung war, es etwas übertrieben zu haben. „Ich denke, wir sind zu weit gegangen und haben zu viel getan. … Jeder in der Band empfindet das jetzt so“, so Taylor.

Allerdings ist es nicht Deacon, dem im Nachhinein von der Band (minus Mercury) der schwarze Peter zugeschoben wurde — sondern Freddie Mercurys damaliger Manager Paul Prenter. Der war zwischen 1977 und 1984 für Freddies persönliche Angelegenheiten zuständig und übte in den Augen Taylors etwas zu viel Einfluss auf seinen Klienten aus. Und zwar so sehr, dass Taylor meinte, Prenter wollte Queen nach Gaybar klingen lassen. Eine Erklärung der etwas anderen Art hatte einer der Produzenten, Reinhold Mack, parat: Prenter habe Rockmusik gehasst — und habe Mercury regelrecht im Ohr gelegen.

Auch an die Aufnahmesessions an sich erinnert sich die Band nicht unbedingt gerne: Besonders die Aufnahmen in München (als zweiter Ort fungierte Montreux) zogen sich in die Länge. Die Band pflegte laut Brian May einen ungesunden Party-Lebensstil der in Orientierungslosigkeit resultierte.

Disaster und „Disco sucks“

Dass viele Fans und Kritiker*innen enttäuscht waren, ist wenig überraschend — denn Hot Space war definitiv eine Abkehr von dem, was die Band davor gemacht hatte. Der ehemalige Manager der Band, Jim Beach, sprach in der 2011 erschienenen Doku Queen: Days Of Our Lives sogar von einem regelrechten Desaster und erinnerte sich Fans, die mit „Disco sucks“-Banner zu Konzerten der Band kamen.

Das empfanden allerdings längst nicht alle so: Denn Michael Jackson verehrte das Album, bezeichnete es sogar als Inspiration für seinen Megaseller Thriller. Natürlich, bei Hot Space hat man es mit einem Ausreißer zu tun, einem Experiment einer etablierten Band, das längst nicht jeder gut fand und für viele sogar eine regelrechte Enttäuschung war. Und tatsächlich, in den nachhaltigen Queen-Kanon hat es daraus nur ein einziges Stück geschafft: das mit David Bowie in einer spontanen Session in Montreux entstandene Under Pressure, das für die Band in Großbritannien zum Nummer-eins-Hit wurde. Auch hier waren wieder Deacon und seine unglaublich eingängige Basslinie (wie schon bei Another One Bites The Dust) ausschlaggebend.

Zwei Jahre später kehrten Queen mit The Works wieder zu alter Form zurück. Hot Space geht auf alle Fälle als Experiment der Band in die Geschichte ein — als eines, das Teile der Band wohl gerne wieder rückgängig gemacht hätten, das aber auf alle Fälle ein kurzweiliges und interessantes Album ist, das dem damaligen Zeitgeist Rechnung trägt. Was Queen auch genügend Fans vorgehalten haben.

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Wie fast Guns N‘Roses statt Queen in „Wayne‘s World“ gelandet wären

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25 Jahre „OK Computer“: Wie Radiohead den Prog neu erfinden

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Radiohead
Foto: Jim Steinfeldt/Michael Ochs Archives/GettyImages

Das Label geht von einem Flop aus, die Band setzt alles auf eine Karte: 1997 veröffentlichen Radiohead ihr drittes Album OK Computer. Die Bedenken sind unbegründet: Das Album wird zum kommerziellen Erfolg und gilt heute als eine der besten Platten aller Zeiten. Die ganze Geschichte der modernen Prog-Rhapsodie.

von Björn Springorum

Hier könnt ihr Ok Computer hören:

Es ist 1997, und in Großbritannien hat man so langsam aber sicher genug von Britpop. Die anfängliche Euphorie ist verfolgen, die Aufregung rund um den Battle Of Britpop von 1995 längst vergessen, die Sperenzchen und Eskapaden der Gebrüder Gallagher öde. Sicher, Be Here Now ist ein weiterer Oasis-Megaseller, doch die britische Rockmusik sehnt sich insgeheim nach einer neuen Marschrichtung. Die kommt von Radiohead – von wem auch sonst, wie man aus heutiger Sicht treffsicher urteilen würde. Mit ihrem dritten Album OK Computer sorgen sie nicht nur für einen der ganz großen Klassiker der intelligenten Rockmusik; sie erfinden mal so eben den Prog neu und führen die Musik des Königreichs mit sicherer Hand gen neues Jahrtausend.

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Desillusioniert in den Staaten

Das war damals selbst ihnen nicht zuzutrauen. Oder doch? Schauen wir uns mal ihre bemerkenswerte Karriere bis zum Release von OK Computer an: Ihr Debüt Pablo Honey erscheint 1993, ein schroffes und kratziges Rock-Album, das mit Creep ihren ersten Megahit enthält, ansonsten aber noch in die Kategorie „ausbaufähig“ fällt. Das nehmen Radiohead sehr ernst. Die Band, die sich 1985 an einer Jungenschule im ländlichen Oxfordshire gründet, wird durch Presse, Radio und Fernsehen gereicht, eine desillusionierende USA-Tour besiegelt fast das Schicksal der Band.

The Bends, ihr zweites Album von 1995, zeigt eine merklich gereifte, angekratzte, bittere Band. Die nackte Emotion, die Verletzlichkeit und die Verzweiflung machen die Platte zu einer der definitiven Scheiben der Neunziger. Lange Touren mit R.E.M. oder Soul Asylum durch Nordamerika, Europa und Japan folgen, wieder merkt die Band, dass sie echt nicht für die Straße gemacht ist, dass Touren zermürben, aufreiben, aushöhlen. Dennoch kommt es auf der Tour zu einer folgenschweren Begegnung mit Brian Eno. Für seinen Charity-Sampler nehmen Radiohead am 4. September 1995 die Nummer Lucky auf – in fünf Stunden.

Diese spontane, impulsive, unmittelbare Arbeitsweise löst etwas aus in der Band. Das ist bitter nötig, immerhin steht sie gerade vor dem riesigen Problem, einem sehr erfolgreichen Album einen Nachfolger zu bescheren. Sie beginnen im Juli 1996 die Aufnahmen in ihrem eigenen Canned Applause Studio, treten aber trotz der anfänglichen Inspiration auf der Stelle, kommen nicht vorwärts. Da erscheint die Einladung von Alanis Morissette, mit ihr durch die Staaten zu touren, natürlich verlockend. Was die Band nicht wissen kann: Diese Tour wird OK Computer überhaupt erst möglich machen. Bei einem Konzert erhalten sie Besuch von Regisseur Baz Luhrmann, der gern einen Radiohead-Song in seinem kommenden Film Romeo und Julia haben würde.

Wo sind die Hits?

Exit Music (For A Film), Radioheads wunderschöner Beitrag zum Shakespearschen Drama, wird zur Initialzündung für die Metamorphose. Sänger Thom Yorke sagte später mal: „Das war unsere erste Aufnahme, bei der mich jede Note berauschte. Darauf konnte ich stolz sein, das konnte ich laut aufdrehen und dennoch jede Sekunde genießen.“ Der Rest geht schnell: Sie quartieren sich in St Catherine’s Court ein, einem historischen Anwesen bei Bath, breiten sich in dem elisabethanischen Haus aus und nutzen Treppenhäuser oder Korridore für die Aufnahmen. Zwischen September 1996 und März 1997 entsteht dort ein Album, das erst mal zum Schreckgespenst für ihr damaliges Label Parlophone wird. Dort erwartet man natürlich ein zweites The Bends, ein Alternative-Rock-Manifest für eine verlorene Generation oder mit anderen Worten: Singles, Hits und klingende Kassen.

Da machen Radiohead aber nicht mit. Sie entschieden sich, alles auf eine Karte zu setzen, geben die 100.000 Pfund Vorschuss ihres Labels für Equipment aus und produzieren das Album mit Unterstützung von Haus-und-Hof-Produzent Nigel Godrich selbst. Mit anderen Worten: Radiohead steigen schon jetzt aus den Mechanismen des Marktes aus und nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand. Nach der Seelensuche von The Bends richten sie ihren Blick nach außen und schreiben eine fast schon dystopische Rhapsodie, ein Album, das viel von dem vorweg nimmt, was im neuen Jahrtausend auf die Welt zurollt: soziale Entfremdung, Isolation, Konsumismus und das aussaugende Leben in der Großstadt.

Die Wiedergeburt des Prog

Musikalisch steht der nächste Quantensprung an. Wo die meisten anderen guten Bands zwischen Pablo Honey und The Bends mindestens noch eine weitere Platte gebraucht hätten, um eine ähnliche Entwicklung hinzulegen, liegen zwischen The Bends und OK Computer mindestens zwei Alben. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen sich Radiohead durch ihren mitternächtlichen Garten aus Rock, Prog, Pop und Electronica, ein fließendes, inhärent nachdenkliches, kunstfertig geschmiedetes Album. Kurz: ein Werk, dem ein Creep oder ein Fake Plastic Trees fehlt. Die Plattenfirma ist schockiert, weiß nicht, was sie mit dieser Musik anfangen soll. Sie setzt die Verkaufsprognose von mehreren Millionen auf eine halbe Million herab.

Und wird eines besseren belehrt: OK Computer, das ist schon der damaligen Presse klar, ist eine Wasserscheide. Lange Songs, komplexe Arrangements, eine Vielzahl an Instrumenten: Radiohead beleben den Prog neu. Ihnen gelingt das Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band der Neunziger, ein musikalisches und lyrisches Meisterwerk, so voller Assoziationen, doppelter Böden, Schichten und Ebenen, dass man wochenlang darin abtauchen kann. Inspiriert von Bitches Brew, dem gewagten Album von Miles Davis, Ennio Morricone, Can, Pet Sounds oder dem besten Pop-Song aller Zeiten, A Day In The Live, gelingt Radiohead eine Preziose, ein seltenes Kunstwerk.

Entstanden nach einer Periode der Instabilität und Unsicherheit, erwachsen Radiohead aus ihrem Kokon und machen einfach das, was sich in diesem Moment richtig anfühlt: Musik, und das überwiegend zusammen. 80 Prozent von OK Computer sind live entstanden. Hätte ihre Plattenfirma Recht behalten, hätten Radiohead das 21. Jahrhundert nicht mehr als Band erlebt. So bescheren sie den späten Neunzigern das wichtigste Album, revitalisieren mal so ganz nebenbei den Prog und bereiten der Rockmusik den Weg ins neue Jahrtausend.

Und dennoch ist das 1997 nur der Anfang: 2000 werden Radiohead mit Kid A vollkommen den Verstand verlieren. Im streng positiven Sinne, versteht sich.

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10 Songs, die die Rockmusik verändert haben – Teil 3

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