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Popkultur

Motown und die Emanzipation: Wie aus Hit-Garantinnen Wegbereiterinnen wurden

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Kaum auszudenken, wie sich das heute legendäre Motown-Label entwickelt hätte, wenn es da nicht die vielen aktiven Frauen vor und hinter den Kulissen gegeben hätte: Schon Bertha Gordy, die Mutter von Berry Gordy, Jr., hatte zusammen mit ihrem Mann eine erfolgreiche Firma geleitet. Womöglich war sie es also, die ihren Kindern das unternehmerische Geschick in die Wiege gelegt hat – insbesondere Berry und seinen vier Schwestern. Ein Geschwister-Team, das den Spirit von Motown von Anfang an mit dem Geist der Emanzipation vermählte: Beim Detroiter Label waren Frauen schon ganz früh in so gut wie jedem Bereich maßgeblich beteiligt, angefangen bei den Finanzen über das inzwischen legendäre Styling bis hin zu den eigentlichen Protagonistinnen im Rampenlicht oder auch den Songwriterinnen hinter den Kulissen.

von Hannah Vettese

Da wäre zum Beispiel Esther Gordy, die älteste Schwester, die von 1961 bis 1972 mitarbeitete, unter anderem als Senior Vice President des Labels. Erst als Berry Gordy 1972 den Entschluss fasste, mit Motown komplett nach Los Angeles zu ziehen, schied sie aus dem Unternehmen aus – weil sie die namensgebende Heimatstadt nicht verlassen wollte. Dem Label verbunden blieb sie auch so, denn Esther gründete später das Motown Museum, das noch heute als wichtige Touristenattraktion gilt. Auch seine Schwester Loucye Gordy, die überraschend im Jahr 1965 verstarb, hatte bis dahin entscheidend am internen Aufbau der Firma mitgearbeitet, sich neben Finanzen auch um die Publishing-Abteilung gekümmert.

Noch prägender war allein der Einfluss der Schwestern Anna und Gwen Gordy: Erstere hatte 1958 das (Motown-Vorgänger-)Label Anna Records gegründet und mit Barrett Strongs Money (That’s What I Want) postwendend einen Klassiker veröffentlicht. Dazu war sie selbst Songschreiberin und sollte zusammen mit ihrem Gatten Marvin Gaye Stücke wie Flyin’ High (In The Friendly Sky) für dessen Album What’s Going On (1971) komponieren; wenig später war sie die Co-Autorin von Just To Keep You Satisfied, mit dem das Let’s Get It On-Album aus dem Jahr 1973 ausklingt.



Auch die jüngste Gordy-Schwester, Gwen Gordy Fuqua, war nicht nur als Geschäftsfrau talentiert, sondern verbuchte ebenfalls schon früh erste Erfolge als Songschreiberin: Auf ihr Konto gingen bereits in den Fünfzigern viele Hits von Jackie Wilson, die sie zusammen mit ihrem Bruder Berry geschrieben hatte. Außerdem war sie es, die den Style von Motown wie kaum eine andere mitgestalten sollte: Schließlich war es Gwen, die Maxine Powell an Bord holte, verantwortlich für den Look und das ganze Auftreten der Stars. Powell, die erst vor wenigen Jahren starb, brachte den angehenden Talenten bei, wie sie auszusehen, zu posieren, sich zu geben und zu bewegen hatten. Auch die Tanzschritte trugen ihre Handschrift. Und gerade die Professionalität, die darin zum Ausdruck kam, sollte den Motown-Künstler*innen schließlich den Weg in den Mainstream ebenen – was wiederum ein großer Schritt in Richtung Gleichberechtigung war, indem die Stars dazu beitrugen, eine ganze Reihe von Vorurteilen abzubauen. Ihr Auftreten war dermaßen umwerfend, dass sie früher oder später einfach im Radio und im Fernsehen landen mussten – daran konnten ab sofort zum Glück auch Hautfarbe, Geschlecht oder sozialer Background nichts mehr ändern. Am sichtbarsten waren wenig später ganz klar die Girl-Groups aus dem Hause Motown, an denen spätestens jetzt niemand mehr vorbeikam.



Der Supremes-Siegeszug

Wie es sich anfühlt, wenn man ganz oben in den Billboard-Charts landet, erfuhren die Motown-Verantwortlichen in Detroit erstmals dank The Marvelettes: Deren Please Mr Postman ging durch die Decke und führte dazu, dass gleich die nächsten Girl-Group-Konstellationen aufgestellt werden sollten. Berry Gordy, Jr. war ein begnadeter Talentscout, er hatte den ultimativen Riecher, und so verpflichtete er nicht nur etliche neue Sängerinnen, sondern wusste auch stets genau, wann es strategisch wichtig war, eine Pause einzulegen oder einfach abzuwarten, bis die Zeit für eine neue Stimme, ein neues Gesicht gekommen war. Auch stilistische Neuausrichtungen und sogar spontane Neubesetzungen waren sein Kerngebiet: Als Mary Wells einmal nicht bei einer geplanten Session auftauchte, schickte er kurzerhand Martha Reeves in die Gesangskabine – obwohl die bis dahin nur als Sekretärin für das Label gearbeitet hatte.

Nachdem Martha Reeves das eine oder andere Mal Background-Gesang bei Marvin Gaye beigesteuert hatte, sollte so also die Gruppe Martha & The Vandellas entstehen. Ähnlich viel Vertrauen schenkte der Label-Boss auch einem gewissen Trio, zu dem Diana Ross, Florence Ballad und Mary Wilson gehörten: jenes Dreigespann, das man in den Anfangstagen bei Motown auch „die No-Hit-Supremes“ nannte, weil’s nicht auf Anhieb so gut lief. Er lag natürlich richtig, denn The Supremes sollten zu einer der größten Girl-Groups der Musikgeschichte avancieren und gleich ein ganzes Dutzend Hits landen, ganz zu schweigen von den Soloerfolgen, die Diana Ross danach verbuchen konnte.

Signed, sealed, delivered: Die Songwriterinnen bei Motown

Nicht nur im Rampenlicht räumten die Damen alles ab; auch hinter den Kulissen, dort, wo die Hits erdacht und komponiert wurden, saßen immer häufiger Frauen. Eine von ihnen war Syreeta, die genau wie Martha Reeves zunächst im Vorzimmer des Labels angefangen hatte. Nachdem sie 1968 auch kurz selbst ans Mikrofon getreten war – unter dem Namen Rita Wright –, kam sie mit Stevie Wonder zusammen: ein Songwriter-Dreamteam war geboren. It’s A Shame für The Spinners war dabei nur die Spitze des Charthit-Eisbergs…

Auch Yvonne Wright (Evil, You’ve Got It Bad Girl, Little Girl Blue) und Sylvia Moy (Uptight (Everything’s Alright), My Cherie Amour) arbeiteten wenig später mit Stevie Wonder zusammen, wobei sich Moy auch als Produzentin einen Namen machte. Selbst mit seiner Mutter machte Mr. Wonder gemeinsame Sache: Lula Mae Hardaway nämlich verfasste mit ihrem Sohnemann einen seiner größten Hits – Signed Sealed Delivered I’m Yours.



Gloria Jones, deren Tainted Love zu den Soul-Klassikern aus den Siebzigern zählt, war ebenfalls hinter den Kulissen aktiv – u.a. für The Supremes und für Gladys Knight & The Pips, denen sie zusammen mit Pam Sawyer das Stück If I Were Your Woman auf den Leib schrieb.

Der Dauerbrenner: Feministische Themen

An Themen mangelte es den Songschreiber*innen aus der Hitfabrik nie, weshalb Motown auch für Songs bekannt ist, die gerade im Nachhinein als durchaus kritische soziopolitische Statements gelten müssen. Dancing In The Street von Martha & The Vandellas wäre ein eher offensichtliches Beispiel, aber auch Nowhere To Run fällt in diese Kategorie. Auf ihrem 1968 veröffentlichten Album Love Child sprachen Diana Ross & The Supremes gleich eine ganze Reihe von eher heiklen Themen an: Es waren Geschichten, die man so noch nicht im Popzirkus gehört hatte – uneheliche Schwangerschaften inklusive.



Der Legende nach basiert der Titelsong auf einer Idee von Pam Sawyer, die Mr. Gordy dazu überreden musste, ihn überhaupt zu veröffentlichen. Ein Glücksfall: Love Child mag zwar unehelich entstanden sein, ein Nummer-eins-Hit war’s trotzdem. Zugleich deutete die Veröffentlichung auf eine allgemeine Tendenz beim Label hin, denn viele der Künstler konzentrierten sich ab sofort auch auf politische Themen und soziale Missstände.

Neben der allgemein bekannten Entwicklungsgeschichte des Labels, das in diesem Jahr sein 60. Jubiläum feiert, gibt es somit auch eine viel zu selten erzählte Geschichte der Emanzipation, die parallel dazu verlief: Denn wie schon beim allerersten Nummer-eins-Hit, der auf das Konto von Motown ging, waren es häufig gerade die Frauen, die vor oder hinter den Kulissen Neuland betraten, den Mund aufmachten, Risiken eingingen – und so die Weichen für eine Erfolgsserie stellten, deren Soundtrack uns bis heute begleitet.



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