Metallica & die Akustikgitarren: Ein Unplugged-Überblick

February 14, 2019
in Category: Platten, Popkultur



Metallica & die Akustikgitarren: Ein Unplugged-Überblick

Metallica & die Akustikgitarren: Ein Unplugged-Überblick

Bei einer Band, die ihr Debüt Metal Up Your Ass nennen wollte, erwartet man nicht viele Akustikgitarren. Dass Metallica im Laufe der Dekaden ihren Sound erweitern würden, hätten die ungestümen Jungspunde von dereinst womöglich selbst nicht erwartet. Anlässlich der Veröffentlichung von Helping Hands… Live & Acoustic At The Masonic schauen wir uns die „stromlose“ Geschichte der Band an.

von Christof Leim

Hört hier in das Metallica-Unplugged-Album rein:

Klickt auf „Listen“ für das volle Programm.

Aller Anfang ist laut und voll elektrifiziert: Mit Kill ‘Em All legen Metallica 1983 die Grundlage des Thrash Metal und treten ein neues Genre los. Kurz darauf ballern Slayer, Anthrax, Megadeth und Exodus in die gleiche Richtung, auch in Deutschland machen Kreator, Sodom, Destruction und Tankard erste Schritte. Gemäßigte Töne sind dabei nicht zu vernehmen, nirgends. Will auch niemand. Einen Song vom Schlage Metal Militia, Deathrider oder Evil Has No Boundaries auf Akustikgitarren zu spielen, kommt den Kollegen nicht in den Sinn. Verständlicherweise. Diese Klangfarbe taucht erst später auf, meist als dramatisches Intro oder Balladenstrophen-Beschallung.

36 Jahre später veröffentlichten Metallica nun mit Helping Hands… Live & Acoustic At The Masonic ein „richtiges“ Unplugged-Album, auf dem sie Gassenhauer und ausgesuchte Coversongs stromlos darbieten, gelegentlich sogar ergänzt um Lap Steel und Streicher (alles zum Album hier). Aufgenommen wurden die zwölf Songs bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung im November 2018 zugunsten der bandeigenen Stiftung All Within My Hands (alles zur Stiftung hier). Und Metallica spielen dabei mitnichten zum ersten Mal unplugged…



Denn wenn man es genau nimmt, hört man eine Akustikgitarre schon 1983 in Phantom Lord, dem ungestümen siebten Song des bahnbrechenden Debüts, und zwar im zurückgenommenen Mittelteil. Da macht bei 2:36 Min. eine Nicht-E-Gitarre ein deutliches „Pling“, wird aber nach nicht mal 30 Sekunden wieder von den Riffwalzen überrollt. Wie es sich gehört. Das zählt also nicht als „Unplugged“, nicht mal im weitesten Sinne, aber wir wollten es mal erwähnt haben,  eben weil es so schön „Pling“ macht.

Mit dem zweiten Album Ride The Lightning (1984) machen sich Metallica bereits bei Teilen der Headbangerschaft unbeliebt. Mit Fade To Black gibt es hier die erste – ja, man darf es so sagen – Ballade, ein getragenes Epos und ein Metal-Klassiker bis ans Ende der Zeit (mindestens). Und das Stück basiert auf Akustikgitarren im Intro und der Strophe, selbstverständlich gefolgt von einem lauten Chorus. Das nehmen einige Fans der ersten Stunde, die vor allem Venom und Motörhead im Ohr haben, der Band 1984 tatsächlich übel. „Ausverkauf!“ und „Auswimperei!“ wird Metallica also schon in Jahr drei ihrer Laufbahn vorgeworfen. Von Slayer und Exodus hat man sowas damals und bis heute nicht gehört, bei Metallica-Vorbildern wie Iron Maiden (Children Of The Damned, 1982) oder Black Sabbath (Children Of The Sea, 1980) aber schon.



Den vier Musikanten ist das natürlich egal. Cliff Burton sagt dazu: „Wir machen, was wir wollen. Wenn das jemand als Ausverkauf bezeichnet… egal.“ Und über das akustische Intro zum Nackenbrecher Fight Fire With Fire vom selben Album, das an klassische Kammermusik erinnert, darf man echt nicht meckern. Als Unplugged-Einlage können wir das jedoch beim besten Willen noch nicht betrachten.



Gleiches gilt für die grandiose Eröffnungssequenz von Battery auf Master Of Puppets (1986), für die James Hetfield sich von TV-Sendeschlussmusik inspirieren ließ. Auch das Instrumental To Live Is To Die auf …And Justice For All (1988) ertönt zunächst erhaben auf klassischen Nylonsaiten-Gitarren, bevor nach einer Minute wieder das dicke Gitarrenbrett übernimmt.

Nicht mal das sogenannte Black Album von 1991, dem mancher Kuttenträger gemeinhin nachsagt, Metallica zu Mainstream-Opfern gemacht zu haben, enthält richtige Stöpsel-raus-Einsätze, allerdings mit The Unforgiven schönes Akustikgitarren-Geklimper. Für die Nummer nimmt Hetfield dann auch eine Nicht-E-Gitarre mit auf Tour.



Zusammengefasst: Zu Beginn der Neunziger haben unsere Helden mit „Unplugged“ noch nichts am Hut, obwohl eher hardrockige Kollegen wie Guns N’ Roses mit GNR Lies (1988) und Tesla mit Five Man Acoustical Jam (1990) bereits die Stromlos-Welle losgetreten haben und sich MTV Unplugged als erfolgreiches Format des Senders entpuppt (Eric Clapton anyone?). Alice In Chains landen 1994 mit der Akustik-EP Jar Of Flies sogar auf Platz eins der Billboard-Charts.

Bei Metallica ändern sich die Zeiten mit Load (1996) und Reload (1997), auf denen die Band grundlegend rockiger klingt und mit verschiedenen Einflüssen jenseits des Thrash Metal experimentiert – was Teilen den Headbangerschaft noch ein bisschen mehr die Kutte rostig werden lässt. Hier findet sich dann auch ein Song, der fast ausschließlich mit Akustikgitarren gespielt wird: Das ruhige Mama Said zeigt Hetfields Affinität zu Country und Western, weswegen er im Video auch einen Cowboyhut trägt. Auch in Low Man’s Lyric findet sich diese Geschmacksrichtung.



Weil die Burschen mittlerweile sowieso machen können, was sie wollen, und nach über 15 Jahren auf den Bühnen der Welt Abwechslung Not tut, setzen sich Metallica bei den Tourneen dieser Ära manchmal mit Akustikgitarren auf die Bühne – und spielen tatsächlich kleine Akustiksets mit einer Handvoll Songs. Hier werden dann sogar Brecher wie The Four Horsemen und Motorbreath teilweise zu swingenden Rock’n’Roll-Nummern. Es müssen also nicht nur die Balladen sein.



Am 18. Dezember 1997 besuchen Metallica im Rahmen der Promo für Reload den Sender KSJO im kalifornischen San José. Hier spielen sie mit ein paar Kumpels entspannt ein paar Songs auf Akustikgitarren. Wie man es halt so macht. Mit dabei sind Gary Rossington (Lynyrd Skynyrd), Jim Martin (Faith No More), Les Claypool (Primus), Jerry Cantrell & Sean Kinney (Alice In Chains), Pepper Keenan (Corrosion Of Conformity), Chris Isaak und der Komiker Jim Breuer. Auf dem Programm stehen neben viel Quatsch-Erzählerei lockere Versionen von Low Man’s Lyric, Helpless, The Four Horsemen, Poor Twisted Me, Nothing Else Matters, Creeping Death, Last Caress und der Lynyrd-Skynyrd-Klassiker Tuesday’s Gone. Letzterer wird schick abgemischt und erscheint 1998 auf Garage Inc. Der gesamte Radiomitschnitt kursiert natürlich als Bootleg; eine Bildergalerie der Sause haben Metallica hier veröffentlicht.

Ebenfalls 1997, genauer am 18. Oktober, spielen Metallica zum ersten Mal beim Bridge School Benefit, einem jährlichen Wohltätigkeitsfestival in Mountain View, Kalifornien, organisiert von Pegi und Neil Young. Auch hier kommen die Akustikklampfen zum Einsatz, auf der Setlist steht zum Beispiel Fade To Black. Die Sause wiederholen sie zehn Jahre später am 27. Oktober 2007 mit ein paar richtigen Schätzchen: Brothers In Arms (Dire Straits), Only Happy When It Rains (Garbage), I Just Want To Celebrate (Rare Earth) und zum ersten Mal live überhaupt ihr eigenes All Within My Hands. Die Show kann man hier anhören und sogar kaufen. Am nächsten Abend geht’s weiter, anzugucken hier.



Und weil es so schön ist, kehren unsere Helden 2016 ein drittes Mal zum Bridge School Benefit zurück, diesmal unter anderem mit Whiskey In The Jar, Hero Of The Day, dem The-Clash-Cover Clampdown und sogar Seek & Destroy in stromloser Variante. Bei Mr. Soul, im Original von Buffalo Springfield, spielt dann Neil Young höchstselbst mit. Anhören und anschauen: hier und hier.



Metallifreaks dürften sich außerdem freuen über die Stücke, die am 12. Mai 2014 bei einer Veranstaltung namens MusiCares in Los Angeles erklingen. An dem Abend zollen Metallica ihrem Helden Ozzy Osbourne Tribut – mit dessen Diary Of A Madman und seinem liebsten Beatles-Song In My Life.



Wir merken: Für ihre Unplugged-Einsätze greift die Band auf Lieder zurück, die sie vollverstromt eher nicht ausgewählt hätte. Als musikalische Ausdrucksform, willkommene Abwechslung und Besonderheit für kleine Shows haben Metallica das Unplugged-Format im Laufe der Jahre sicher entdeckt. Es kommt allerdings nur für besondere Konzerte und als Zwischenspiel zum Einsatz - denn bei den allerallermeisten Shows sowie im Studio gibt es weiterhin ordentlich was auf die Ohren.

Am 3. November 2018 schließlich geben James Hetfield, Lars Ulrich, Kirk Hammett und Robert Trujillo im Masonic in ihrer Heimatstadt San Francisco ein unverstromtes Konzert für ihre Stiftung All Within My Hands. Das Ergebnis halten wir jetzt als Helping Hands… Live & Acoustic At The Masonic in den Händen.


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