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Popkultur

Zeitsprung: Am 21.6.1975 verlässt Ritchie Blackmore Deep Purple.

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Foto: Fin Costello/Redferns/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 21.6.1975.

von Matthias Breusch und Christof Leim

1975 haben Deep Purple sieben intensive Jahre mit drei verschiedenen Besetzungen und neun Studioalben hinter sich. Dann hat Gitarrengott Ritchie Blackmore die Faxen dicke und malt im Duett mit Sangesgott Ronnie James Dio spektakuläre Regenbögen. Am 21. Juni 1975 gibt Blackmore seinen Abschied bekannt.

Hier könnt ihr Stormbringer hören, Blackmores letztes Album mit Deep Purple während der Siebziger:

Blicken wir zurück: Anfang der Siebziger definieren Deep Purple in der Mark-II-Besetzung die Grundfesten des harten Rock. Ian Gillan, Ritchie Blackmore, Roger Glover, Jon Lord und Ian Paice hauen im Jahrestakt bahnbrechende Alben raus und sind quasi durchgehend auf Tour. Nach dem Abgang von Gillan und Glover 1973 verändert sich die musikalische Ausrichtung des Quintetts spürbar. Es folgt Burn (1974) mit David Coverdale am Gesang und Glenn Hughes am Bass, ein Hammeralbum, mit dem alle glücklich sind, eine echte Wiedergeburt, die weltweite Jubelfeiern erlebt, entsprechende Verkaufszahlen inklusive. Und die vor Ideen sprühende Mark-III-Besetzung von Deep Purple mit ihrer gedoppelten Lead-Vocal-Power Hughes/Coverdale wird von den meisten Fans mit offenen Armen akzeptiert.

Der Meister mag es nicht so funky

Bei Stormbringer, das ebenfalls noch 1974 erscheint, befindet sich die prächtige Stimmung schon wieder auf dem Rückzug. Die Scheibe enthält für Blackmores Geschmack trotz zahlreicher Perlen zu viele Soul- und Funk-Elemente. Dafür verantwortlich ist der hohe Songwriting-Anteil der beiden Neuen. Außerdem ärgert es den Gitarristen maßlos, dass Bassist Glenn Hughes und Drummer Ian Paice die Komposition Soldier Of Fortune, die Ritchie zusammen mit Sänger David Coverdale entwickelt hat, zum Kotzen finden. 

Viel fataler auf das Arbeitsklima wirkt sich jedoch etwas anderes aus: Label und Management haben aus dem Burn-out der Mark-II-Besetzung nichts gelernt. Die Band wird weiterhin gemolken, was das Zeug hält, indem man in kürzesten Abständen nach jeder Tour auf ein neues Album drängt und die Musiker nach jedem Album für weitere Auftritte auf Reisen scheucht.

Schnauze voll

Seit seinem 16. Lebensjahr sitzt „Blackie“ nun auf diesen rasenden Karussell. In den frühen Sechzigern hat er in Hunderten von Studiosessions für etliche andere Acts Gitarren eingespielt. Zudem entwickelt er sich an der Seite von Helden wie dem „Killer“ Jerry Lee Lewis oder dem durchgeknallten Performance-Freak Screaming Lord Sutch auf Ochsentouren durch die Provinz zur abgebrühten Rampensau. Aber nun hat er die Schnauze voll. Er möchte die Zügel selbst in die Hand bekommen und  träumt „von einem faulen Leben mit nur einem Album pro Jahr“.

Ritchies neue Spielwiese: Rainbow 1975 mit Ronnie James Dio – Foto: Fin Costello/Getty Images

Seinen Komplizen zur Erfüllung dieses Traums hat er bereits gefunden: Im Vorprogramm von Purple taucht eines Tages eine Band namens Elf auf. Deren Sänger Ronnie James Dio teilt Ritchies Vorlieben für Barockmusik und mittelalterliche Mystik. Zunächst plant Blackmore nur ein Soloalbum. Aber Ritchie Blackmore’s Rainbow mit Juwelen wie Man On The Silver Mountain, Temple Of The King und Catch The Rainbow besitzt so eine überwältigende Klasse, dass daraus schnell mehr wird. Ab dem 21. Juni 1975 dürfen sich Deep Purple offiziell einen neuen Gitarristen suchen.

Frisches Blut tut Blackie gut

In der Folgezeit heuert Ritchie gleich die ganze Elf-Band (minus ihren Gitarristen natürlich) als Begleitmusiker an. Er will aber ohnehin nur Ronnie und dessen gigantische Stimme und entledigt sich der übrigen Musiker recht zügig. Schon beim Zweitwerk Rainbow Rising mit grandiosem Stoff der Marke Tarot Woman und Stargazer spielt 1976 eine vollkommen andere Besetzung, darunter Monsterdrummer Cozy Powell

In den folgenden Jahren avanciert Ritchie zu einem der größten Personalverschleißer der Branche. Ein typisches Zitat der Rainbow-Jahre, überliefert von seinem Biografen Jerry Bloom: „Ich ernähre mich vom Blut neuer Musiker, und wenn sie kein Blut mehr in sich haben, werfe ich sie raus.“

Fiese Streiche

Parallel regelt Blackmore auch gleich sein Privatleben neu und zitiert seine zweite Frau Babs wegen „Untreue“ vor Gericht, um nach angelsächsischem Recht die Scheidung zu erwirken: Ausgerechnet der Womanizer Ritchie B., emsiger Liebhaber üppig gepolsterter Damen, bezichtigt seine Gattin, mit 16 fremden Männern das Lager geteilt zu haben, darunter der Künstler Salvador Dali, Who-Drummer Keith „das Tier“ Moon, Gitarrengottkollege Jeff Beck, einen gewissen Tommy Bolin (siehe weiter unten) sowie ein rundes Dutzend Roadies.

Daneben liebt „Blackie“, der seit seinem 13. Lebensjahr ausschließlich schwarze Klamotten trägt, die Inszenierung fieser Streiche. Auch im hohen Alter soll er den ganzen Tag nach hilflosen Opfern Ausschau halten. Max und Moritz sind im Direktvergleich Musterbübchen mit Seitenscheitel. Von Ian Kilmister alias Motörhead-Lemmy stammt eine typische Blackmore-Anekdote: „Ritchie war berüchtigt dafür, Leuten was anzutun, während sie schliefen. Ein Tourmanager, der mit Ritchie Ärger hatte, wurde eines Morgens wach. Splitternackt. Ohne Papiere oder was auch immer bei sich. In einem Mietwagen ohne Schlüssel. Auf einer Autofähre nach Island.“ 

Sonne, Mond und Sterne

Nackt und bloßgestellt muss sich auch Ritchies Nachfolger bei Deep Purple gefühlt haben. Der 1975 lediglich Insidern bekannte Amerikaner Tommy Bolin wird von den Fans vor allem in Europa nicht angenommen. Dass die neuen Purple, nun in der Besetzung Mark IV, mit Come Taste the Band ein exquisites Studioalbum veröffentlicht haben, interessiert viele Fans nicht. Sie wollen nur eines: ihren Ritchie. 

Jenen Mann, der jeden Abend auf der Bühne mit einmalig virtuos inszenierten Gitarrensalven Sonne, Mond und Sterne vom Himmel schießt. Doch bis zur fast unvermeidlichen (aber natürlich nicht dauerhaften) Wiedervereinigung vergeht noch fast eine Dekade, während der Deep Purple sogar ganz auseinanderbrechen. Aber das ist mal wieder eine andere Geschichte…

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