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Popkultur

„Wir haben die Messlatte für Konzerte höher gelegt“: Gene Simmons von Kiss im Interview

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Foto: Jay Gilbert

Kiss verabschieden sich: Seit Januar 2019 läuft die End Of The Road World Tour,  mit gewaltiger Produktion und jeder Menge Hits, Make-up und Explosionen, wie uDiscover aus New York City berichtete. Nun wurde die allerletzte Show für den 17. Juli 2021 angekündigt, nächsten Sommer macht die auf mehrere Jahre angelegte Weltreise nochmal einen Schlenker durch Deutschland. Wir wollten von Gene Simmons wissen, wie sich das alles mittlerweile und mittendrin so anfühlt. Im Gespräch bekräftigt der 70-Jährige, dass der wilde Rock’n’Roll-Ritt in absehbarer Zukunft ein Ende haben muss, und spricht über den Tag nach dem finalen Song, das Vermächtnis von Kiss, die erste Deutschland-Show 1976 (mit den Scorpions!) und über ehemalige Kollegen wie Ace und Peter auf dem „Ende der Straße“.

von Christof Leim

Hier könnt ihr die größten Kiss-Songs hören:

Mr. Simmons, Zeit für eine Zwischenbilanz: Welcher Teil der Abschiedsreise gefällt Ihnen allabendlich am meisten?

Eins beschleunigt regelmäßig meinen Herzschlag, und zwar der Moment unmittelbar bevor wir auf die Bühne gehen. Wir hören das Geschrei des Publikums, wir stehen auf den Podesten unter der Hallendecke, der Vorhang fällt… und alle drehen durch, denn sie wissen, dass jetzt etwas Besonderes kommt. Ihr habt das selber erlebt. Und genau das ist der aufregendste Teil der Shows.

Gibt es etwas, was Ihnen nicht gefällt?

Nein. Eins steht aber fest: Die Gigs fordern körperlich ganz schön. Wir arbeiten wirklich härter als andere, wenn wir auf dieser Bühne stehen. Wir gehen vielleicht sonst nicht so gerne ins Fitnessstudio, aber das die Anstrengung ja was Gutes für die Gesundheit. Die Leute haben Spaß, wir haben Spaß, aber man sollte sich nichts vormachen: Ein Kiss-Konzert ist physisch strapaziös.

Lief auf der Abschiedstour bisher irgendetwas anders als erwartet?

Ja. Ich war nicht drauf eingestellt, dass mir zwischendurch Nierensteine entfernt werden! (lacht) Einen Termin haben wir abgesagt, mir geht es wieder gut.

Fühlt sich die Tour und die Vorstellung des kommenden Ruhestandes nach einigen Monaten unterwegs anders an als zu Beginn?

Es ist der richtige Zeitpunkt, mit dem Touren aufzuhören. Ich bin 70 Jahre alt. Ich fühle mich großartig, die Shows sind großartig und sehr solide, jeden Abend. Übrigens, ich singe und spiele jede Note, die ihr hört. Wir sind so gut, dass die Leute denken, ich hätte meine Sachen vorher aufgenommen. Aber nein, das ist alles live. Eines darf man aber nicht vergessen: Wir haben alle Bands gesehen, die zu lange auf der Bühne stehen. Man sollte Schluss machen, solange man noch der Champion ist. Über manche Gruppen sagen die Leute: „Die hättest du mal früher sehen sollen!“  Über uns möchte ich das nicht hören. Also treten wir ab, solange wir noch an der Spitze stehen. Die Tour wird zweieinhalb oder drei Jahre dauern, es gibt eine Menge Städte auf dem Plan, aber das letzte Konzert passiert im Juli 2021 in New York City. Danach werden keine Touren mehr stattfinden. Aber Kiss leben weiter, es wird Filme geben, Zeichentrickserien, Spielzeug, Games und solche Sachen. Vielleicht kommt sogar eine Art reisende Kiss-Show. Aber die Band und ich werden nicht mehr auf Tour gehen.

Haben Sie darüber nachgedacht, wie Sie sich am Morgen des 18. Juli 2021 fühlen werden?

Es wird eine Mischung aus großem Stolz und ein bisschen Trauer sein. Wenn die Party läuft, amüsiert man sich, und am Ende wird einem womöglich klar, dass das die beste Feier aller Zeiten war. Kommt die Sache zum Ende, kann man nur noch in Erinnerungen schwelgen. Und ich werde eine Menge toller Erinnerungen haben, so zartbitter sich die auch anfühlen mögen. Ich bin fast sicher, dass ich weinen werde wie ein zwölfjähriges Mädchen.

Freut sich denn Ihre Familie darüber, dass „der Alte“ danach öfter zu Hause sein wird?

Ja, schon, aber meine Kinder Nick und Sophie sind beide schon erwachsen und verfolgen ihre eigenen Karrieren, mit Schreiben, Musik, Mode, Büchern und so Sachen. Meine Frau Shannon hat gerade ein Haus in Kanada gebaut, und ich verfolge ja auch noch andere Geschäfte. Aber Kiss wird immer ein Teil unseres Lebens sein. Denn da gibt es jede Menge Projekte, etwa die Golfanlage in Las Vegas und so weiter. Aber was die Tourneen angeht: Kiss als Band wird nach dem 17. Juli 2021 nicht mehr touren.

Gene mit seiner Frau Shannon und den beiden Kindern Nick und Sophie – Pic: Frazer Harrison/Getty Images

Im Sommer 2020 schwenkt die End Of The Road Tour erneut Richtung Deutschland, 44 Jahre nach dem ersten Kiss-Konzert hierzulande. Das fand statt am 18. Mai 1976 in Mannheim im Rahmen der Destroyer Tour, als Vorgruppe spielten die Scorpions. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie daran zurückdenken?

Oh, ich kann mich an Uli Jon Roth erinnern. Ein großartiger Gitarrist, fantastisch! Wir hatten von den Scorpions schon gehört, aber ich wusste nicht, ob sie tatsächlich was drauf haben. Aber sie entpuppten als wirklich amtlich rockende Band, insbesondere dank Uli. Sie haben nicht enttäuscht.

Damals standen Kiss in den USA ganz oben und spielten die größten Hallen. Wie fühlte es sich an, zum ersten Mal in Europa aufzutreten?

Toll! Ich wusste schon einiges über Deutschland, über Germania, Bayern, Preußen, Bismarck und über die Geschichte. Es gibt so viel Kultur. Ich kann auch sprechen ein bisschen deutsch. Ich habe gelernt auf der Schule. Wenn Leute mit mir im Aufzug stehen und sich auf Deutsch unterhalten, verstehe ich jedes Wort. Ja, ich bin ein Fan von Deutschland, von Natur, Essen und Sprache. Wir hatten immer viel Freude bei euch, das Publikum ist toll, besonders auf den großen Festivals.

Im Sommer 2020 macht die „End Of The Road Tour“ wieder Station in Deutschland

Wie hat sich das Touren in Deutschland über die Jahre verändert, wenn es sich überhaupt verändert hat. Wurde es besser, schlechter, sonderbarer?

Moderner! Deutschland wurde zum modernsten Land Europas. Wir haben oft in England gespielt, und natürlich lieben wir die ganzen britischen Bands wie die Beatles und Queen, aber da drüben konnte man nicht mal einen kühlen Drink bekommen. Es gab einfach kein Eis, auch keine Klimaanlagen in den Hotels, die sowieso meist ganz kleine Zimmer hatten. Deutschland wirkte da anders, und dank der Autobahn konnte man sich einfacher fortbewegen als beispielsweise in Frankreich oder eben Großbritannien. Außerdem funktionierte das Stromnetz, da flog nichts in die Luft. In England ist das manchmal passiert…

Lassen Sie uns über die kommenden Abschnitte der End Of The Road Tour reden: Sie haben eine sehr üppige Produktion dabei. Wird sich an der Show bis Sommer 2020 etwas ändern, wenn das überhaupt technisch möglich ist?

Ja! Wir haben gerade auf der Kiss Kruise gespielt. Dabei haben wir das Set komplett auf den Kopf gestellt und ziemlich obskure Songs herausgekramt. Wir ändern also schon ein paar Sachen. Aber ihr dürft nicht vergessen, dass der Rest der Welt diese Show noch nicht gesehen hat. Und wegen der Größe des Ganzen können wir auch nicht jeden Abend etwas Neues machen. Wir müssen das einproben, die Abläufe müssen stimmen, und die Pyros müssen an der richtigen Stelle hochgehen.

The Demon: Gene Simmons bei der Arbeit – Pic: Jay Gilbert

Manche der Stücke wie Cold Gin oder Deuce spielen Sie seit Dekaden. Keine Frage, sowas wollen die Fans hören. Aber würden Sie rein als Musiker gerne die Setlist wirklich mal auf den Kopf stellen wie etwa bei den Konzerten mit ihrer Soloband?

Wir haben da schon ein paar Ideen, und momentan spielen wir ja Lieder aus jeder Ära der Band, aus allen Jahrzehnten. Aber Rock And Roll All Night und Detroit Rock City müssen eben sein. Wenn ich mir die Stones angucke, will ich Satisfaction hören, selbst wenn den Jungs die Nummer zum Hals raus hängt. Und das haben wir immer im Hinterkopf. Klar, vielleicht sollten wir die Auswahl der Lieder variieren, ein bisschen bisschen zumindest, aber viele Fans auf der aktuellen Tour haben uns noch nie gesehen. Und wenn wir dann nicht I Was Made For Lovin’ You spielen… Den Song lassen in Amerika übrigens immer weg. Man kann bei der Setlist natürlich sehr in die Tiefe gehen, aber ich habe Konzerte gesehen von Dylan und anderen Ikonen, als sie wirklich obskures Zeug rausgesucht haben. Und dann bleibt das Publikum die ganze Zeit sitzen, die Leute hören einfach zu. Aber unsere Konzerte sollen eine Party sein. Ihr sollte die ganze Zeit auf den Beinen sein.

Eine Sache müssen wir noch klären: Werden ehemalige Mitglieder wie Peter Criss, Ace Frehley, Vinnie Vincent oder Bruce Kulick zum Abschied nochmal mit Kiss auf der Bühne stehen?

Einer der ersten Schritte ganz am Anfang war, Ace und Peter zu fragen: Wollt ihr ein paar Songs spielen? Peter Criss hat Nein gesagt. Was Ace angeht: Das könnte für die Zukunft schon eine Möglichkeit sein, aber das ist alles nicht so einfach. Wir haben jedenfalls beide eingeladen. Allerdings sind auf der letzten Kiss Kruise sowohl Ace als auch Bruce Kulick aufgetreten, und ich habe Ace die Musiker meiner Gene Simmons Band überlassen. Das passt schon alles, allen geht’s gut, aber es stimmt mich traurig, dass Ace und Peter nicht das erleben, was wir gerade erleben. 46 Jahre später haben wir die beste Zeit unseres Lebens. Es ist nunmal so, dass nicht jeder über die Anlagen verfügt, einen Marathon zu laufen. Manche Leute sind für kurze Rennen besser geeignet, so sieht es nun mal aus.

Kiss in ihrer letzten Inkarnation: Paul Stanley, Gene Simmons, Tommy Thayer, Eric Singer – Pic: Promo)

Was soll das Vermächtnis von Kiss sein?

Oh, das weiß ich genau! Wenn man sich Garth Brooks anguckt, Sir Paul McCartney oder Wrestling-Kämpfe, dann gibt es da Pyros und Explosionen. Und nun ja, das haben sie nicht von Peter Maffay. Sondern von Kiss! Wenn wir andere Bands gezwungen haben, eine gute Show auf die Beine zu stellen mit Feuerwerk und grandiosem Licht, dann ist das ein Vermächtnis. Wir haben natürlich auch ein paar gute Songs geschrieben und tolle Gigs gespielt, aber vor allem haben wir die Messlatte höher gelegt, was Konzerte angeht. Es reicht nicht länger, sich einfach auf die Bühne zu stellen.

Kiss kehren im Sommer 2020 für vier Shows nach Deutschland zurück: 14.6. Dortmund, 15.6. Hamburg, 10.7. Frankfurt, 11.7. Stuttgart.

Ein normaler Abend bei Kiss: Pyros & Explosion, gerne und viel – Pic: Jay Gilbert

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