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Popkultur

„Wir haben die Messlatte für Konzerte höher gelegt“: Gene Simmons von Kiss im Interview

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Foto: Jay Gilbert

"Kiss verabschieden sich: Seit Januar 2019 läuft die End Of The Road World Tour,  mit gewaltiger Produktion und jeder Menge Hits, Make-up und Explosionen, wie uDiscover aus New York City berichtete. Nun wurde die allerletzte Show für den 17. Juli 2021 angekündigt, nächsten Sommer macht die auf mehrere Jahre angelegte Weltreise nochmal einen Schlenker durch Deutschland. Wir wollten von Gene Simmons wissen, wie sich das alles mittlerweile und mittendrin so anfühlt. Im Gespräch bekräftigt der 70-Jährige, dass der wilde Rock’n’Roll-Ritt in absehbarer Zukunft ein Ende haben muss, und spricht über den Tag nach dem finalen Song, das Vermächtnis von Kiss, die erste Deutschland-Show 1976 (mit den Scorpions!) und über ehemalige Kollegen wie Ace und Peter auf dem „Ende der Straße“.

von Christof Leim

Hier könnt ihr die größten Kiss-Songs hören:

Mr. Simmons, Zeit für eine Zwischenbilanz: Welcher Teil der Abschiedsreise gefällt Ihnen allabendlich am meisten?

Eins beschleunigt regelmäßig meinen Herzschlag, und zwar der Moment unmittelbar bevor wir auf die Bühne gehen. Wir hören das Geschrei des Publikums, wir stehen auf den Podesten unter der Hallendecke, der Vorhang fällt… und alle drehen durch, denn sie wissen, dass jetzt etwas Besonderes kommt. Ihr habt das selber erlebt. Und genau das ist der aufregendste Teil der Shows.

Gibt es etwas, was Ihnen nicht gefällt?

Nein. Eins steht aber fest: Die Gigs fordern körperlich ganz schön. Wir arbeiten wirklich härter als andere, wenn wir auf dieser Bühne stehen. Wir gehen vielleicht sonst nicht so gerne ins Fitnessstudio, aber das die Anstrengung ja was Gutes für die Gesundheit. Die Leute haben Spaß, wir haben Spaß, aber man sollte sich nichts vormachen: Ein Kiss-Konzert ist physisch strapaziös.

Lief auf der Abschiedstour bisher irgendetwas anders als erwartet?

Ja. Ich war nicht drauf eingestellt, dass mir zwischendurch Nierensteine entfernt werden! (lacht) Einen Termin haben wir abgesagt, mir geht es wieder gut.

Fühlt sich die Tour und die Vorstellung des kommenden Ruhestandes nach einigen Monaten unterwegs anders an als zu Beginn?

Es ist der richtige Zeitpunkt, mit dem Touren aufzuhören. Ich bin 70 Jahre alt. Ich fühle mich großartig, die Shows sind großartig und sehr solide, jeden Abend. Übrigens, ich singe und spiele jede Note, die ihr hört. Wir sind so gut, dass die Leute denken, ich hätte meine Sachen vorher aufgenommen. Aber nein, das ist alles live. Eines darf man aber nicht vergessen: Wir haben alle Bands gesehen, die zu lange auf der Bühne stehen. Man sollte Schluss machen, solange man noch der Champion ist. Über manche Gruppen sagen die Leute: „Die hättest du mal früher sehen sollen!“  Über uns möchte ich das nicht hören. Also treten wir ab, solange wir noch an der Spitze stehen. Die Tour wird zweieinhalb oder drei Jahre dauern, es gibt eine Menge Städte auf dem Plan, aber das letzte Konzert passiert im Juli 2021 in New York City. Danach werden keine Touren mehr stattfinden. Aber Kiss leben weiter, es wird Filme geben, Zeichentrickserien, Spielzeug, Games und solche Sachen. Vielleicht kommt sogar eine Art reisende Kiss-Show. Aber die Band und ich werden nicht mehr auf Tour gehen.

Haben Sie darüber nachgedacht, wie Sie sich am Morgen des 18. Juli 2021 fühlen werden?

Es wird eine Mischung aus großem Stolz und ein bisschen Trauer sein. Wenn die Party läuft, amüsiert man sich, und am Ende wird einem womöglich klar, dass das die beste Feier aller Zeiten war. Kommt die Sache zum Ende, kann man nur noch in Erinnerungen schwelgen. Und ich werde eine Menge toller Erinnerungen haben, so zartbitter sich die auch anfühlen mögen. Ich bin fast sicher, dass ich weinen werde wie ein zwölfjähriges Mädchen.

Freut sich denn Ihre Familie darüber, dass „der Alte“ danach öfter zu Hause sein wird?

Ja, schon, aber meine Kinder Nick und Sophie sind beide schon erwachsen und verfolgen ihre eigenen Karrieren, mit Schreiben, Musik, Mode, Büchern und so Sachen. Meine Frau Shannon hat gerade ein Haus in Kanada gebaut, und ich verfolge ja auch noch andere Geschäfte. Aber Kiss wird immer ein Teil unseres Lebens sein. Denn da gibt es jede Menge Projekte, etwa die Golfanlage in Las Vegas und so weiter. Aber was die Tourneen angeht: Kiss als Band wird nach dem 17. Juli 2021 nicht mehr touren.

Gene mit seiner Frau Shannon und den beiden Kindern Nick und Sophie – Pic: Frazer Harrison/Getty Images

Im Sommer 2020 schwenkt die End Of The Road Tour erneut Richtung Deutschland, 44 Jahre nach dem ersten Kiss-Konzert hierzulande. Das fand statt am 18. Mai 1976 in Mannheim im Rahmen der Destroyer Tour, als Vorgruppe spielten die Scorpions. Was fällt Ihnen ein, wenn Sie daran zurückdenken?

Oh, ich kann mich an Uli Jon Roth erinnern. Ein großartiger Gitarrist, fantastisch! Wir hatten von den Scorpions schon gehört, aber ich wusste nicht, ob sie tatsächlich was drauf haben. Aber sie entpuppten als wirklich amtlich rockende Band, insbesondere dank Uli. Sie haben nicht enttäuscht.

Damals standen Kiss in den USA ganz oben und spielten die größten Hallen. Wie fühlte es sich an, zum ersten Mal in Europa aufzutreten?

Toll! Ich wusste schon einiges über Deutschland, über Germania, Bayern, Preußen, Bismarck und über die Geschichte. Es gibt so viel Kultur. Ich kann auch sprechen ein bisschen deutsch. Ich habe gelernt auf der Schule. Wenn Leute mit mir im Aufzug stehen und sich auf Deutsch unterhalten, verstehe ich jedes Wort. Ja, ich bin ein Fan von Deutschland, von Natur, Essen und Sprache. Wir hatten immer viel Freude bei euch, das Publikum ist toll, besonders auf den großen Festivals.

Im Sommer 2020 macht die „End Of The Road Tour“ wieder Station in Deutschland

Wie hat sich das Touren in Deutschland über die Jahre verändert, wenn es sich überhaupt verändert hat. Wurde es besser, schlechter, sonderbarer?

Moderner! Deutschland wurde zum modernsten Land Europas. Wir haben oft in England gespielt, und natürlich lieben wir die ganzen britischen Bands wie die Beatles und Queen, aber da drüben konnte man nicht mal einen kühlen Drink bekommen. Es gab einfach kein Eis, auch keine Klimaanlagen in den Hotels, die sowieso meist ganz kleine Zimmer hatten. Deutschland wirkte da anders, und dank der Autobahn konnte man sich einfacher fortbewegen als beispielsweise in Frankreich oder eben Großbritannien. Außerdem funktionierte das Stromnetz, da flog nichts in die Luft. In England ist das manchmal passiert…

Lassen Sie uns über die kommenden Abschnitte der End Of The Road Tour reden: Sie haben eine sehr üppige Produktion dabei. Wird sich an der Show bis Sommer 2020 etwas ändern, wenn das überhaupt technisch möglich ist?

Ja! Wir haben gerade auf der Kiss Kruise gespielt. Dabei haben wir das Set komplett auf den Kopf gestellt und ziemlich obskure Songs herausgekramt. Wir ändern also schon ein paar Sachen. Aber ihr dürft nicht vergessen, dass der Rest der Welt diese Show noch nicht gesehen hat. Und wegen der Größe des Ganzen können wir auch nicht jeden Abend etwas Neues machen. Wir müssen das einproben, die Abläufe müssen stimmen, und die Pyros müssen an der richtigen Stelle hochgehen.

The Demon: Gene Simmons bei der Arbeit – Pic: Jay Gilbert

Manche der Stücke wie Cold Gin oder Deuce spielen Sie seit Dekaden. Keine Frage, sowas wollen die Fans hören. Aber würden Sie rein als Musiker gerne die Setlist wirklich mal auf den Kopf stellen wie etwa bei den Konzerten mit ihrer Soloband?

Wir haben da schon ein paar Ideen, und momentan spielen wir ja Lieder aus jeder Ära der Band, aus allen Jahrzehnten. Aber Rock And Roll All Night und Detroit Rock City müssen eben sein. Wenn ich mir die Stones angucke, will ich Satisfaction hören, selbst wenn den Jungs die Nummer zum Hals raus hängt. Und das haben wir immer im Hinterkopf. Klar, vielleicht sollten wir die Auswahl der Lieder variieren, ein bisschen bisschen zumindest, aber viele Fans auf der aktuellen Tour haben uns noch nie gesehen. Und wenn wir dann nicht I Was Made For Lovin’ You spielen… Den Song lassen in Amerika übrigens immer weg. Man kann bei der Setlist natürlich sehr in die Tiefe gehen, aber ich habe Konzerte gesehen von Dylan und anderen Ikonen, als sie wirklich obskures Zeug rausgesucht haben. Und dann bleibt das Publikum die ganze Zeit sitzen, die Leute hören einfach zu. Aber unsere Konzerte sollen eine Party sein. Ihr sollte die ganze Zeit auf den Beinen sein.

Eine Sache müssen wir noch klären: Werden ehemalige Mitglieder wie Peter Criss, Ace Frehley, Vinnie Vincent oder Bruce Kulick zum Abschied nochmal mit Kiss auf der Bühne stehen?

Einer der ersten Schritte ganz am Anfang war, Ace und Peter zu fragen: Wollt ihr ein paar Songs spielen? Peter Criss hat Nein gesagt. Was Ace angeht: Das könnte für die Zukunft schon eine Möglichkeit sein, aber das ist alles nicht so einfach. Wir haben jedenfalls beide eingeladen. Allerdings sind auf der letzten Kiss Kruise sowohl Ace als auch Bruce Kulick aufgetreten, und ich habe Ace die Musiker meiner Gene Simmons Band überlassen. Das passt schon alles, allen geht’s gut, aber es stimmt mich traurig, dass Ace und Peter nicht das erleben, was wir gerade erleben. 46 Jahre später haben wir die beste Zeit unseres Lebens. Es ist nunmal so, dass nicht jeder über die Anlagen verfügt, einen Marathon zu laufen. Manche Leute sind für kurze Rennen besser geeignet, so sieht es nun mal aus.

Kiss in ihrer letzten Inkarnation: Paul Stanley, Gene Simmons, Tommy Thayer, Eric Singer – Pic: Promo)

Was soll das Vermächtnis von Kiss sein?

Oh, das weiß ich genau! Wenn man sich Garth Brooks anguckt, Sir Paul McCartney oder Wrestling-Kämpfe, dann gibt es da Pyros und Explosionen. Und nun ja, das haben sie nicht von Peter Maffay. Sondern von Kiss! Wenn wir andere Bands gezwungen haben, eine gute Show auf die Beine zu stellen mit Feuerwerk und grandiosem Licht, dann ist das ein Vermächtnis. Wir haben natürlich auch ein paar gute Songs geschrieben und tolle Gigs gespielt, aber vor allem haben wir die Messlatte höher gelegt, was Konzerte angeht. Es reicht nicht länger, sich einfach auf die Bühne zu stellen.

Kiss kehren im Sommer 2020 für vier Shows nach Deutschland zurück: 14.6. Dortmund, 15.6. Hamburg, 10.7. Frankfurt, 11.7. Stuttgart.

Ein normaler Abend bei Kiss: Pyros & Explosion, gerne und viel – Pic: Jay Gilbert

KISS spielen Trio-Show für Haie – und kein einziger Hai taucht auf

Popkultur

Zeitsprung: Am 1.2.1950 kommt Mike Campbell, Gitarrist von Tom Petty, zur Welt.

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Foto: Larry Hulst/Michael Ochs Archives/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 1.2.1950.

von Frank Thießies und Christof Leim

Am 1. Februar 1950 erblickt Mike Campbell das Licht der Welt, der später als Gitarrist, Songschreiber und Produzent Karriere machen sollte. Von seiner emotionalen, stets songdienlichen Saitenarbeit und Kompositionskunst profitierten nicht nur Tom Petty (und die Heartbreakers), sondern auch Rockgrößen wie Stevie Nicks, Roy Orbison, Don Henley und Bob Dylan. Wir gratulieren dem Heartland-Rocker zu seinem heutigen Geburtstag!

Hier könnt ihr euch die größten Hits von Tom Petty And The Heartbreakers anhören:

Kein Versumpfen

1950 in Panama City, Florida geboren und in Jacksonville aufgewachsen, greift Campbell im Alter von 16 Jahren erstmals zur Gitarre. Als Einfluss erweisen sich subtilere Sechs-Saiten-Stars wie Scotty Moore (Elvis Presley), Luther Perkins (Johnny Cashs Tennessee Three) und George Harrison, außerdem hinterlassen Bob Dylans Folk-Verständnis und der psychedelischen Rock der Byrds Eindruck. So geprägt unternimmt Campbell zusammen mit einem gewissen Tom Petty ab Anfang der Siebziger erste ernstzunehmende musikalische Gehversuche. Ihre Band Mudcrutch kann im regionalen Umkreis Erfolge verzeichnen, der Umzug von Florida nach Los Angeles 1974 sowie der erste Plattenvertrag fruchten indes noch nicht so wie zunächst gedacht. Also lösen sich Mudcrutch auf. Aus ihrer Asche entsteht 1976 die Formation Tom Petty And The Heartbreakers. 

Hoch hinaus 

Nach zwei Platten (Tom Petty And The Heartbreakers, You’re Gonna Get It!), die man eher unter „Achtungserfolge“ verbuchen kann, erfolgt für Petty, Campbell und den Rest schließlich 1979 mit dem Album Damn The Torpedos (alles dazu hier) der große Mainstream-Durchbruch. Der von Roots zu Rock bis hin zu Pop schwingende Sound der Band trifft den Massengeschmack und ist Ausdruck eines archetypischen Amerikas zwischen Diners und Sägewerken, Fabriken und Roadhouse Bars. Bis zum Jahre 2014 wird Campbell mit Petty und den Heartbreakers 13 Studioalben aufnehmen und (zuletzt primär) die heimatlichen Bühnen der USA bereisen. 

Dabei ist Bandleader Petty nicht der einzige, der auf Mike Campbells Gitarrentalent und Künste als gelegentlicher Co-Songwriter baut. Mit der stimmgewaltigen Fleetwood-Mac-Magierin Stevie Nicks kollaboriert Campbell seit deren Solodebüt Bella Donna (1981) auf sämtlichen ihrer acht Album-Alleingänge. Ebenso greift der Gitarrist für Building The Perfect Beast (1984)von Don Henley in die Saiten und fungiert zudem als Co-Komponist und -Produzent von dessen Über-Hit The Boys Of Summer.

Der Gaststar

Ab Mitte der Achtziger ist Campbell gerne gesehener Studiogast bei Größen wie Bob Dylan, Roy Orbison und Joe Cocker. Mitte der Neunziger akquiriert ihn Produzent Rick Rubin zusammen mit Petty und den anderen Heartbreakers für Johnny Cashs American-Aufnahmereihe als Begleitband. Doch Campbell fühlt sich nicht nur dem Rock- und Country-Adel (und damit im Laufe seiner Karriere nahezu allen einstigen musikalischen Helden) verpflichtet. Auch die Punklegenden Bad Religion zeigen sich vom musikalischen Minimalismus des Mannes begeistert und laden ihn 2004 und 2010 zu Gastbeiträgen auf jeweils einem Song ein. Oder wie es Bad-Religion-Gitarrist Brett Gurewitz formuliert: „Mike Campbell ist mein Held, auch wenn er es immer peinlich findet, wenn ich das sage. Er mag nicht für seine Soli berühmt sein, aber er spielt einfach immer genau das richtige – genau das, was ein Song braucht.“

Das Leben nach Tom Petty

Das mit Tom Pettys überraschendem Tod am 2. Oktober 2017 zwangsläufig eingeläutete Ende seiner Stammband bricht Mike Campbell wie Heartland-Rock-Fans allerorts das Herz. Umso mehr freut, dass Campbell musikalisch schon bald die Flucht nach vorn antritt. Nachdem er zunächst von 2018 bis 2019 (neben Neil Finn von Crowded House) Fleetwood Macs eigentlichen Leadgitarristen Lindsey Buckingham auf deren Welttournee vertreten hat, zieht es Campbell mit eigener Band zurück ins Rampenlicht. Mit The Dirty Knobs, einer Kapelle, die er schon seit gut 15 Jahren parallel zu seinen Aktivitäten mit den Heartbreakers unterhält, veröffentlicht der Umtriebige am 20. März 2020 das erste Album Wreckless Abandon. Der Sound? Natürlich Roots-geschulter, amerikanischer Classic Rock mit hochmelodischer Sechziger-Pop-Sensibilität. Wobei Campbell sowohl am Mikro als auch optisch in Pettys Fußstapfen zu treten scheint. 

Damit bleibt uns, dem Gitarristen an seinem Ehrentag alles erdenklich Gute sowie noch eine ganze Reihe an weiteren musikalischen Höhenflügen zu wünschen!

Zeitsprung: Am 23.5.1979 geht Tom Petty pleite — absichtlich.

 

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Popkultur

Zeitsprung: Am 31.1.1970 werden Grateful Dead in New Orleans verhaftet.

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Grateful Dead Jerry Garcia
Foto: Kypros/Getty Images

Anekdoten, Jubiläen und wilde Geschichten: Was an diesem Tag in der Welt der Musik passiert ist, lest ihr täglich in unserem Zeitsprung. Heute: 31.1.1970.

von Bolle Selke und Christof Leim

1970 nehmen die Grateful Dead eine wichtige Rolle in der US-amerikanischen Gegenkultur ein. Vielleicht verhaftet sie „das Establishment“ deswegen am 31. Januar in New Orleans. Vielleicht wurden auch tatsächlich Drogen gefunden. Fest steht: Die Erfahrung inspiriert die Musiker zu einer Strophe ihres Kultsongs Truckin‘.

Hier könnt ihr euch American Beauty von Grateful Dead anhören:

Mardi Gras, Bourbon Street, der Blues – seinen Ruf als entspannte und lockere Stadt hat New Orleans den Beinamen „The Big Easy“ (etwa Die große Unbeschwertheit“) eingebracht. Umso überraschter dürften Grateful Dead gewesen sein, als die Polizei am 31. Januar 1970 eine Razzia in ihrem Hotel durchführt und fast die komplette Band wegen Drogenbesitzes festnimmt.

Eine abgekartete Sache“

Nach dem ersten von zwei geplanten Auftritten im The Warehouse mit der Vorgruppe Fleetwood Mac kehrt Bandleader Jerry Garcia mit seinen Mitmusiker und der Crew ins Hotel zurück – und wird von der Polizei erwartet. Fast die gesamte Reisegruppe wird auf der Stelle verhaftet. Manager Lenny Hart erzählt die Geschichte kurz nach der Verhaftung dem Rolling Stone: „Das war schon eigenartig. Es roch nach einer abgekarteten Sache. Denn die Bullen haben bereits gewartet, als die Band vom Konzert zurückkam. Die Polizisten hatten einen Haftbefehl, und sie hatten die Hotelzimmer schon durchsucht. Bei keinem der Leute wurde etwas gefunden außer den Sachen, für die es Rezepte gab. Alles, was die Beamten aufgespürt haben wollen, soll bereits im Hotel gewesen sein, aber keiner der Band weiß, woher das Zeug stammt. Es war nicht ihr Stoff. Grateful Dead sind normalerweise sehr cool und vorsichtig.“

Grateful Dead

Trinken halt nicht nur Früchtetee: Grateful Dead circa 1970 (Foto: Robert Altman/Michael Ochs Archives/Getty Images)

Nun sind Jamrocker aus Kalifornien nicht gerade dafür bekannt, nur Früchtetee zu trinken. Dass die ins Visier der Behörden geraten, überrascht niemanden. Allerdings wollen die Polizisten es den Musikern besonders schwer machen: Sie fesseln Band und Crew mit Handschellen aneinander und lassen sie für Pressefotos vor dem Gebäude Parade stehen. Hart meint: „Die Cops genossen es, ihr Ding durchzuziehen. Am Ende mussten die Verhafteten acht Stunden im Gefängnis verbringen. Obwohl die Kaution sofort da war, wurden sie so lange belästigt. “

„Acid-König festgenommen“

Alle 19 Personen, die bei der Razzia erwischt werden, fangen sich eine Anklage wegen Besitzes von Marihuana, LSD, Barbituraten, Amphetaminen oder anderer verbotener Substanzen ein. Das kann damals in Louisiana zu einer Strafe von fünf bis 15 Jahren Gefängnis führen. Keine Kleinigkeit also. Die Behörden nageln  die komplette Band samt Crew und einigen lokalen Helfern fest – nur die Keyboarder Ron „Pigpen“ McKernan und Tom Constanten, die keine Drogen nehmen, kommen davon. Allerdings lässt dieser Vorfall für die beiden das Faß zum Überlaufen bringen: Kurz darauf reichen sie ihre Kündigungen ein. Bonuspunkte sammelt die Polizei von New Orleans durch die Festnahme von Owsley Stanley, damals nicht nur Techniker der Gruppe, sondern auch ein bekannter LSD-Produzent. „Acid-König festgenommen!“ prahlen die lokalen Zeitungen.

„Hippies. Oh Junge!“

Ganz überraschend kommt das harte Vorgehen nicht: Bereits ein paar Wochen früher hatten die befreundeten Jefferson Airplane Ähnliches erlebt, als sie auf Tour im selben Hotel weilten. Grateful Dead wurden entsprechend schon bei der Ankunft am Flughafen gewarnt, dass sie Probleme bekommen könnten. All dies gibt der Band das Gefühl, übers Ohr gehauen worden zu sein. Jerry Garcia selbst sagt dazu: „Sie hatten großen Spaß mit uns, die Südstaaten-Cops. Sie hatten genau das, was sie wollten: Hippies. Oh Junge!“

Hier könnt ihr das Statement von Jerry Garcia dazu anhören:

Nachdem die langhaarige Reisegruppe die Kaution von 37.500 Dollar hinterlegt hat, immerhin die gesamte Gage des Abends, geht ihnen das Geld aus. Also spielen sie eine zusätzliche Show in New Orleans und überreden Fleetwood Mac, ebenfalls zu bleiben. Die zusätzlichen Einnahmen helfen bei den Rechtskosten auf. Die meisten Anklagen werden schließlich fallengelassen, aber der Vorfall wird für alle Ewigkeit im Song Truckin‘ festgehalten, einem der erfolgreichsten Grateful-Dead-Stücke:

„Busted, down on Bourbon Street / Set up, like a bowlin’ pin / Knocked down, it gets to wearin’ thin / They just won’t let you be, no.“

Zeitsprung: Am 19.3.1919 verlangt ein Axtmörder Live-Jazz in New Orleans.

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55 Jahre „White Light/White Heat“: The Velvet Underground auf Speed

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The Velvet Underground
Foto: Michael Ochs Archives/Getty Images

Auf ihrem zweiten Album zeigten sich The Velvet Underground von ihrer experimentierfreudigsten Seite; sogar noch stärker als auf ihrem legendären Debüt. Doch der avantgardistische Ansatz von Multiinstrumentalist John Cale stieß in der Band nicht nur auf Gegenliebe. Nach White Light/White Heat musste er gehen.

von Timon Menge

Hier könnt ihr euch White Light/White Heat von The Velvet Underground anhören:

Mit ihrem bahnbrechenden Debütalbum leisteten The Velvet Underground und die Kölner Sängerin Nico einen unabdingbaren Beitrag zur Geschichte der Rockmusik. Doch schon kurz nach der Veröffentlichung kam es zum Streit. Die Verkaufszahlen blieben hinter den Erwartungen der Gruppe zurück; als Folge musste Manager und Produzent Andy Warhol gehen. Auch Nico nahm ihren Hut und und schlug den Weg als Solokünstlerin ein. The Velvet Underground bestanden fortan aus Songschreiber Lou Reed, Klangexzentriker John Cale sowie aus der Rhythmusabteilung mit Sterling Morrison und Maureen Tucker. An den Schiebereglern im Studio saß nur noch Tom Wilson, der für das Debüt noch mit Warhol zusammengearbeitet hatte. Doch trotz aller Widrigkeiten setzt die Band ihren Weg fort. In unserer heutigen Geschichte endet das mit einer Kündigung.

White Light/White Heat: The Velvet Underground auf Speed (buchstäblich)

Es dauert nur wenige Monate, bis das neue Line-up zum ersten Mal gemeinsam im Studio steht, um das zweite Album von The Velvet Underground aufzunehmen. Diesmal geht es noch ein wenig experimenteller zur Sache. Die Gruppe orientiert sich an ihrem Live-Sound, der dank Musikgenie John Cale von reichlich Improvisation und Punk-Attitüde geprägt ist. Letzterer ebnen The Velvet Underground den Weg, ebenso wie dem Noise Rock, denn Ende der Sechziger ist beides noch nicht existent. Inhaltlich ändert sich nicht viel: Lou Reed und Co. widmen sich Themen wie Sex, Transvestitismus und Drogen. Was Rauschmittel betrifft, stehen diesmal Amphetamine im Vordergrund, deren aufputschende Wirkung im Slang auch „White Heat“ genannt wird. Um Heroin geht es aber auch.

Besonders präsent ist der 17-minütige Song Sister Ray, den Lou Reed und seine Mitstreiter*innen in nur einem einzigen Take aufnehmen. Über den Inhalt sagt Reed: „Es kommen acht Charaktere darin vor, ein Typ wird umgebracht, und niemand unternimmt etwas. Der Text basiert auf einer Geschichte von Ausschweifung und Verfall. Ich mag die Vorstellung, dass Sister Ray ein transvestitischer Heroinhändler ist. Es geht um einen Haufen Dragqueens, die ein paar Matrosen mit nach Hause nehmen, sich zudröhnen und gerade eine Orgie feiern, als die Polizei auftaucht.“ Toningenieur Gary Kellgren hat während der Aufnahme nach einigen Minuten genug und verlässt das Studio mit den Worten: „Sagt mir Bescheid, wenn ihr fertig seid.“

Andy Warhol ist doch wieder mit von der Partie

Als Manager und Produzent hatten The Velvet Underground ihren ehemaligen Kollegen Andy Warhol zwar vor die Tür gesetzt, doch am Artwork wirkt die Popart-Legende auch dieses Mal mit. So handelt es sich bei dem auf dem Cover abgebildeten Totenkopf um ein Tattoo von Joe Spencer, dem Hauptdarsteller aus Warhols Film Bike Boy. Warhol ist es, der das Motiv vorschlägt; Reed sucht anschließend das passendste Negativ aus der Bike Boy-Filmrolle aus. Die weitere Bearbeitung übernimmt ein Herr namens Billy Name, der zu Warhols legendärer Factory gehört. Ein alternatives Cover aus Großbritannien zeigt 1971 einige leuchtend weiße Spielzeugsoldaten, doch dieses Motiv hatten The Velvet Underground nie abgesegnet.

Musikhistorisch betrachtet gehört White Light/White Heat zu den wichtigsten Platten, wenn es um die Entwicklung des Punk und des Noise geht. Das liegt nicht zuletzt an John Cales klangexperimenteller Herangehensweise, die White Light/White Heat ganz schön sperrig wirken lässt. Lou Reed und der Rest der Band wünschen sich allerdings einen poppigeren Sound. Genau ein Jahr nach den Aufnahmesessions setzen sie Cale vor die Tür, holen stattdessen Doug Yule an Bord und nehmen die Arbeit an ihrem dritten Album The Velvet Underground auf. Der wichtigste Leitfaden: Die Platte soll keine zweite White Light/White Heat werden. Das ist The Velvet Underground gelungen. Doch diese Geschichte erzählen wir an einem anderen Tag.

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„The Velvet Underground & Nico“: Avantgardistische Bewusstseinserweitung

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